Samstag, 8. Februar 2014

"Geschichten aus dem Wiener Wald" im Volkstheater

 Bonbonfarbene Abgründe

Sohel Altan G., Jean-Luc Bubert | © Arno Declair / Volkstheater München

 Bunt reicht hier nicht mehr aus. Die Farben, die Stefan Hageneier auf die Bühne des Volkstheaters verfrachtet hat, zerfressen einem fast schon die Netzhaut. Knallpink, Giftgrün, strahlend Weiß sind die Kostüme, in Kombination mit der hellgelben Guckkastenbühne erinnert alles an ein Bild von Roy Lichtenstein. Es ist blendend, plastisch, grell.
Erst später wird der hintere Teil der Bühne zu sehen sein, ein nebelwabernder Teich mit Schilf, in dem die Protagonisten plantschen, sich lieben, verschwinden.

Überzeichnung ist das Stichwort zu Ödön von Horváths Werk, das Erich Kästner als "Wiener Volksstück gegen das Wiener Volksstück" bezeichnete. Persifliert wird das Klischee der berühmten "Wiener Gemütlichkeit", die menschlichen Abgründe hinter der heilen Fassade, die Tragödie des "süßen Wiener Mädels".

  Das Mädel ist hier Marianne (Lenja Schultze). Rote Bäckchen und rote Zöpfchen hat sie, und heute soll sie den Fleischhauer Oskar ehelichen, worüber sie gar nicht glücklich ist. Pascal Fligg als jenen erkennt man fast nicht wieder, er trägt Bauch, Halbglatze und Schnauzer und deklamiert Kalendersprüche. Aber er liebt das "Marianderl" heiß und innig und trägt seinen besten orangefarbenen Anzug. Als Geschenk überreicht er ihr eine Wurst.

  Die Hochzeit hätte reibungslos vonstatten gehen können, wenn nicht Max Wagner als schmieriger, aber dennoch charmanter Herzensbrecher Alfred aufgetaucht wäre. Er verführt Marianne nach einigen Annäherungsversuchen während eines Badeausfluges zum Stelldichein. Sie bekommt - wie könnte es anders sein - ein Kind und wird unmittelbar von Vater (Jean-Luc Bubert) und Gesellschaft ausgeschlossen. Der soziale Abstieg beginnt. Unglücklich und verarmt leben Marianne und Alfred des Kindes wegen zusammen, bis "Freund" Havlitschek (Sohel Altan G.) ihr eine Stelle als Nackttänzerin im Maxim offeriert. Das Kind kommt zur Großmutter, Alfred bandelt wieder mit seiner Ehemaligen, der verbrauchten, aber geldigen Valerie (Ursula Maria Burkhart) an und Oskar prophezeit: "Du wirst meiner Liebe nicht entgehen, Marianne." Er wird recht behalten.


Pascal Fligg, Lenja Schultze | © Arno Declair / Volkstheater München
Wie schön, dass Christian Stückl Horváths Werk nicht nur als tristes Trauerspiel, sondern auch als bitterböse Komödie inszeniert. Da fliegen die Zoten, es werden Herrenwitze serviert und, mit Klavierbegleitung von Michael Gumpinger, operettenhafte Einlagen dargeboten. Groß ist der Spaß, umso tiefer der Fall. Schleichend wird aus der Komödie eine Tragödie.
Erst gegen Ende wird das Ausmaß des psychischen, später auch physischen Missbrauchs, dem Marianne ausgesetzt ist, deutlich, das brutale Ende erschüttert das vormals so vom Amüsement eingelullte Gemüt des Zuschauers beträchtlich.

Stückls Strichfassung mit nur etwa der Hälfte der eigentlich angegebenen Charaktere ermöglicht eine clowneske Verzerrung des Menschlichen, die einerseits belustigt, andererseits furchtbar erschreckt. Ganz im Brecht'schen Sinne wird der Verfremdungseffekt genutzt,
um die Figuren wie in einer Raritätensammlung auszustellen, sie zu bestaunen, sich zu gruseln. Die Schauspieler unterstützen diese Illusion mit brilliantem Können, jeder kitzelt das Maximum an Komplexität aus seiner Figur heraus. Es ist ein wahrer Genuss, ihnen beim Spielen (und Singen) zusehen zu dürfen, nicht nur, weil alle unverschämt gut aussehen.




 "Geschichten aus dem Wiener Wald" dürfte Stückls berührendste, ja vielleicht sogar beste Arbeit am Volkstheater sein. Den Spagat zwischen Witz, Wahnsinn und Wahrheit beherrscht er wie kein anderer. Zusammen mit dem Talent des jungen Ensembles und der außergewöhnlichen Bühne, ergibt sich eine ergreifende, bösartige und dennoch saukomische Inszenierung.

Link zu Geschichten aus dem Wiener Wald im Volkstheater




Premiere am 25.03.2013
Regie: Christian Stückl
Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier

Musik: Michael Gumpinger

Montag, 3. Februar 2014

"Die Räuber" im Volkstheater: Flips und Flapsiges

Thumbs up for Karl




    Man wird den Eindruck nicht los, dass Regisseur Sebastian Kreyer seine Schauspieler gerne in langen Unterhosen auf die Bühne stellt. Schon in "Gespenster" durfte sich Max Wagner darin austoben, auch heute beginnt der Abend damit, dass er und Oliver Möller als ungleiches Brüderpaar Karl und Franz von Moor darin herumalbern. Obenrum nackend, versteht sich, blanke Haut wird man noch oft sehen.


Paul Faßnacht, Oliver Möller, Max Wagner | © Arno Declair / Volkstheater München


Die Geschichte ist altbekannt: Franz buhlt um die Gunst seines Vaters (Paul Faßnacht) und spielt seinen älteren Bruder Karl mithilfe von gefälschten Briefen gegen ihn aus. Karl ist sauer und gründet in den Böhmischen Wäldern eine Räuberbande, während Franz daheim seinen Bruder für tot erklärt, den Vater wegsperrt und sich Amalia, der Geliebten Karls, annähern möchte. Irgendwann kommt dieser dann nichtsahnend nach Hause und findet ein totales Chaos vor. 

  Bombensicherer Stoff, möchte man meinen. Aber Kreyer dreht Schillers Meisterwerk durch den Mixer, bäckt es zu einer Mischung aus Homoerotik und Fäkalwitzen und garniert es mit einer großen Prise Kitsch und Trash. Einige der Gags sind gut, zweifellos. Zum Beispiel das Geflügel, das in regelmäßigen Abständen vom Schnürboden herabfällt, immer wenn jemand seine Pistole abfeuert. Ist schon irgendwie witzig. Auch das mit Kreide vollgekritzelte Holzgerüst im Hintergrund ist lustig. "FUCK YOUR FACE. THUMBS UP FOR KARL. RÄUBER 4EVER" steht da. Aber wenn der verkleidete Franz dem Vater die fingierte Nachricht von Karls Tod überbringt und im Anschluss fragt: "Wo sind denn hier die Klos, ich muss mal dringend kacken?", dann ist das mehr als nur unangebracht. Gelacht hat auch niemand. 
  
  Viel vom Originaltext ist ebenfalls nicht mehr übrig geblieben. Stattdessen gibt es Kreyer'sche Wortspiele mit dem Namen Moor ("not a Moor anymore") und statt einer Räuberbande einen einzigen Gefährten (Jakob Geßner), der nicht mal einen Namen hat.
Mit dem darf Hauptmann Karl aber ausgiebig diskutieren, raufen und knutschen. Kein morden, kein brandschatzen, dafür eine für Schiller etwas zu intime Bromance. 


Max Wagner, Jakob Geßner | © Arno Declair / Volkstheater München
  
Zu oft fragt man sich an diesem Abend: Warum das Ganze? Mara Widmann als Amalia tritt beispielsweise ständig in neuen, immer lächerlicheren Kostümen auf, als Punk mit rosa Perücke, als Diva im Glitzerkleid mit Federsaum, als Museumsführerin mit Wikingerhelm. Ihre Hauptaufgabe ist es, die offenbar für das jüngere Publikum eingestreuten Lieder zu singen, was sie wirklich gut meistert. Aber was Kate Bush und die Pet Shop Boys in den Böhmischen Wäldern zu suchen haben, weiß auch niemand. Kreyers Inszenierung soll wohl die amüsante Mischung aus Ernsthaftigkeit, Trash und Aktualität innehaben, die man so oft bei Solberg sieht, letztendlich wird aber ein gezwungener, lästiger, furchtbar alternativ sein wollender Brei daraus. Kurz vor der Pause, nachdem Amalia den Satz "Karl lebt!" spricht, entrollt sich ein riesiges Plakat im Hintergrund. Darauf zu sehen ist ein nackter, mit einem Falken posierender Max Wagner. Warum? Ein nackter Paul Faßnacht wäre sicherlich schlimmer gewesen, aber trotzdem, warum? 

  Dann ist da noch dieses Telefon, das ab und an klingelt und Nonsens brabbelt. Und der böse Franz, der nonstop Erdnussflips isst und das Publikum damit bewirft. Wo ist der Sinn hinter all diesen Dingen? Soll das lustig sein? Oder hat alles eine tiefere Bedeutung, die nur Sebastian Kreyer erfassen kann?
  
  Wirklich schade um die Schauspieler. Die blonden Jungs haben sich im Minutentakt aus- und umzuziehen, damit die gestählte Brust gezeigt werden kann, Oliver Möller muss sich eine Krone aus Erdnussflips aufsetzen und Paul Faßnacht sieht aus wie Big Lebowski und kalauert pseudoenglisch vor sich hin.
 Gab es niemanden, der dem Regisseur auf die Finger schaute und "Lass das mal lieber bleiben" sagen konnte? Man hätte diesen knappen drei Stunden durchaus mehr Tiefe verleihen können. Oder zumindest mehr Sinn.

Link zu Die Räuber im Volkstheater




Premiere am 19.01.2014
Regie: Sebastian Kreyer
Bühne: Matthias Nebel
Kostüme: Maria Roers






Samstag, 1. Februar 2014

"Coriolanus" via National Theatre Live

Eine nicht ganz objektive Review

Tom Hiddleston | © http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/productions/ntlout5-coriolanus
Es war zugegebenermaßen nicht leicht, sich an einem Samstagmorgen um halb neun aus dem Bett zu schälen, um ins Kino zu fahren. Aber die Liveübertragung aus dem Donmar Warehouse in London am 30.01. war komplett ausverkauft, und als Shakespeare-Fan darf man sich die bislang einzige (wenn auch wiederholte) Übertragung natürlich nicht entgehen lassen.

 Also auf ins Cinema in der Nymphenburgerstraße, wo zusammen mit mir schon auffällig viele Frauen zwischen dreizehn und sechzig hinpilgern. Die Hiddleston-Fanbase offenbar.
Ich rede mir ein, dass ich das Stück hauptsächlich aufgrund seines intellektuellen Wertes anschaue und hole mir meine Karte ab.
Coriolanus ist eines der eher wenig bekannten Stücke von Shakespeare und gehört zu seinen späteren Werken (geschrieben wurde es um 1607), wobei es neben "Antonius und Cleopatra" und "Julius Caesar" in die Sparte der roman plays eingeordet wird.
  Grob zusammengefasst handelt es von dem römischen Kriegshelden und Patrizier Coriolanus, der sich aus verschiedenen innerpolitischen und familiären Gründen gegen sein eigenes Volk wendet. Die wohl beste Besetzung für den als arrogant und stolz beschriebenen Coriolanus ist der aus Marvel's Avengers, War Horse und The Hollow Crown bekannte, bekennend shakespeareaffine Tom Hiddleston. Vor Beginn der Vorstellung wird noch ein kurzes Interview mit Josie Rourke, der Regisseurin, eingespielt. Es hat wohl auch die Interviewerin erwischt, kichernd fragt sie, was das Team dazu bewegt habe, den von MTV als "Sexiest Man In The World" betitelten Hiddleston zu casten. Rourke bleibt professionell und verweist auf seine brillianten schauspielerischen Fähigkeiten. Es geht ein hörbares Lachen durch den Saal, "Ja sicher, nur aufgrund seines Talents" spötteln manche.

Neben Hiddleston entdeckt man im Laufe des etwa drei Stunden andauernden Stücks noch einige bekannte Gesichter, Mark Gatiss zum Beispiel, der u.a. für die Idee und Produktion der BBC-Erfolgsserie Sherlock, in der er auch die Figur Mycroft Holmes spielt, verantwortlich ist, sowie Alfred Enoch (Dean Thomas aus der Harry Potter-Filmreihe, man ist der groß geworden!) und britische Theatergrößen wie Deborah Findlay und Peter De Jersey.


Birgitte Hjort Sørensen, Mark Gatiss, Tom Hiddleston | © telegraph.co.uk


Wie alle Shakespearestücke ist auch in diesem das Englisch für Nichtmuttersprachler sehr schwer zu verstehen. Umso besser, dass sämtliche Schauspieler so unfassbar gut spielen, dass man im Zweifelsfall auch dadurch den Inhalt des Textes versteht. Tom Hiddleston als blutbesudelter, brüllender, verzweifelter und am Ende sogar reine, echte Tränen weinender Kriegsheld ist so berührend, bewundernswert und - daran führt kein Weg vorbei - erotisch, dass er für diese Rolle 2014 so ziemlich jeden Preis abräumen wird. Mit Sicherheit.
  Mark Gatiss kann mit gewohnter Spitzzüngigkeit brillieren und ist verantwortlich für die meisten Lacher in dieser Tragödie. Seine Darstellung des Menenius Agrippa,einem Freund und Vertrauten des Kriegshelden, ist wunderbar. Und Birgitte Hjort Sørensen, die Virgilia, die Frau Coriolanus', spielt, hätte eigentlich mehr Text verdient, leider sieht Shakespeare sie meist nur als weinendes Frauenzimmer vor. Aber sie durfte Tom Hiddleston gleich mehrmals küssen, also kann sie sich nicht beschweren. 

  Es bleibt zu hoffen, dass dieses Meisterwerk aus London entweder noch einige Male übertragen oder aber sogar auf DVD veröffentlicht wird. Die Performance ist herausragend, die Story auch nach 400 Jahren aktuell. Außerdem sind die Kampfszenen zwischen Coriolanus und Erzfeind Aufidius (Hadley Fraser) spannend und choreographisch hoch anspruchsvoll, da schlagen auch Männerherzen höher. Und die Frauenherzen, naja...die sind sowieso rundum versorgt.

http://www.pinterest.com/pin/255368241344795995/

 Just saying.


Eine derartig fantastische Inszenierung gab es schon lange nicht mehr. Shakespeare wäre stolz.




Link zum Interview mit der Cast

Link zur Website vom National Theatre


























Premiere am 06.12.2013
Regie: Josie Rourke
Bühne und Kostüme: Lucy Osborne
Komponist: Michael Bruce
Fight Director: Richard Ryan