Freitag, 5. Dezember 2014

Don't stop the party

Zwei Monate nach dem letzten Oktoberfest inszeniert Regisseur Hakan Savaş Mican ein neues Gelage: Kasimir und Karoline feierte vergangene Woche im Münchner Volkstheater Premiere.

Ödön von Horváths gesellschaftskritisches Gesamt(kunst)werk befasst sich vor allem mit der Aufarbeitung sozialpolitischer Stoffe; bereits mit Geschichten aus dem Wiener Wald zeigte Volkstheater-Intendant Christian Stückl eindrucksvoll, wie aktuell Hováths Themen auch knapp 80 Jahre nach dem Tod des Autors sind. Beißende Kritik, verkörpert von perspektivlosen Kleinbürgern, das kommt auch 2014 noch gut. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, wenn man sich auch heute, immer noch im Schatten der Weltwirtschaftskrise, gut in die gleichnamigen Protagonisten von Kasimir und Karoline hineinversetzen kann.
 © Arno Declair
Jean-Luc Bubert und Xenia Tilling mimen das frisch verlobte Paar, das einen Ausflug auf das Oktoberfest macht. Stilecht in der Lederhosn kommt außer dem obligatorischen Preissn Speer (Michael Tregor) allerdings niemand. Die Gesellschaft trägt bunte Röcke und Schirmmützen und versucht den Alltag zu vergessen. Kasimir gelingt das nicht so richtig. Noch am Tag zuvor wurde ihm sein Job als Lastwagenfahrer gekündigt, nun hat er kaum mehr als ein paar Mark in der Tasche. Karoline ist hingegen eine selbstständige Frau, arbeitet in einem Büro und möchte sich amüsieren, Kasimirs Trübsal versteht sie nicht. “Vielleicht sind wir zu schwer füreinander”, sagt sie ihm und macht sich allein auf, die Wiesn zu erkunden. Schon bald zieht sie eine Schar von Verehrern hinter sich her, allen voran der Zuschneider Eugen Schürzinger (Oliver Möller). Er beschenkt sie mit Luftballons, Achterbahnfahrten und Aufmerksamkeit, wirkliches Interesse will bei Karoline aber nicht aufkommen. Erst als Schürzingers Vorgesetzter, der Kommerzienrat Rauch (Robert Joseph Bartl), ebenfalls auftaucht, glimmt in ihr das Flirtverhalten auf. Ihre Absichten sind klar: eine Gesellschaftsstufe höher möchte sie, und sei es nur für einen Abend auf dem Oktoberfest.

© Arno Declair

Währenddessen trifft der angetrunkene und schlecht gelaunte Kasimir seinen alten Freund, den Merkel Franz (Pascal Riedel) und dessen Frau Erna (Mara Widmann). Der verdient seine Brötchen mit Autodiebstählen und überredet Kasimir, bei seinem nächsten Coup mitzumachen. Für einen von ihnen wird die Sache nicht gut ausgehen. Hakan Savaş Micans Erstlingswerk besticht durch fetzige Kostüme, einfühlsame Momente und durchaus lustige Situationen, dennoch kann keine Wiesnstimmung aufkommen. Zu zäh fließen die Dialoge, zu langsam entwickelt sich die Geschichte. Die abgrundtief traurige Story einer gescheiterten Beziehung bleibt auf der Strecke, eine wilde Party bekommt man aber auch nicht zu sehen. Es ist ein bisschen wie das letzte Noagerl in der Maß: trinken kann man’s schon, schmecken tut’s aber nicht unbedingt. Die Überraschung des Abends ist hier aber eindeutig Pascal Riedel, ganz ungewohnt als Bad Boy. Sonst immer als Sensibelchen besetzt, glänzt er in dieser Inszenierung durch konsequente Badass-Manier, abgerundet durch das Zuhälteroutfit mit Pelzmantel. Ein schöner Kontrast zu seinen bisherigen Rollen, etwa in Supergute Tage. Mehr davon, bitte. Fazit: Lieber Christian Stückl die Volksstücke überlassen. Der lebt sein Faible für die alten Klassiker nämlich kontinuierlich aus, das nächste Mal im Januar mit Nathan der Weise. Vielleicht ist die Stimmung da dann besser.

Weitere Vorstellungen am 05., 06. und 18. Dezember
Karten ab 8 Euro

Informationen und Spielplan www.muenchner-volkstheater.de

Samstag, 29. November 2014

Der Wolf im Märchenwald

Trolle sind nur der Anfang: Im Residenztheater ist zur Zeit Henrik Ibsens Peer Gynt in einer Inszenierung von David Bösch zu sehen.

(c) Thomas Dashuber
Das Bühnenbild dürfte eine der schönsten Konstruktionen sein, die man im Residenztheater nach Martin Kušejs Der Weibsteufel zu sehen bekommt. Der Zuschauer wägt sich im Märchenwald; die Sterne glitzern, die Bäume versprühen dunkle Bequemlichkeit, später wird auch der Mond aufgehen.

In dieser Idylle leben Peer Gynt (Shenja Lacher) und seine Mutter Aase (Sybille Canonica). Ihr Wohnwagen steht inmitten einer Lichtung, Bier ist auch genügend vorhanden. Wer Hemlock Grove guckt, fühlt sich ein bisschen an Peter Rumancek und seiner Mutter erinnert.

Aber der Schein trügt. Peer ist ein Aufschneider, von Aase zwar zum Helden hochstilisiert, im richtigen Leben bekommt er allerdings nicht wirklich etwas auf die Reihe. Perspektiv- und heimatlos wandert er durch die verzauberten norwegischen Wälder, tief verliebt in Ingrid (Friederike Ott), die Braut eines anderen. Als er sie aber nach der Hochzeit entführt, verliert er daraufhin schnell das Interesse an ihr. Die Mädchen sind allenfalls Zertreuung für sein getriebenes Selbst. Nur Solveig (Andrea Wenzl) startet zögerliche Annäherungsversuche, um dem Zerrissenen näher zu kommen. Sie wird bitter enttäuscht werden.

Etwa 30 Jahre später beobachtet man einen vollkommen veränderten Peer Gynt. Lacher spielt den DiCaprio’schen Lebemann, komplett mit beiger Bundfaltenhose und Zigarre in der Hand. Durch Sklavenhandel und andere windige Geschäfte reich geworden, ist er in Marrokko gestrandet. Eine Videoeinspielung dokumentiert Gynts Werdegang auf Amüsanteste: Lachers Gesicht neben Barack Obama, zwischen nackten Playmates, auf einem Dollar-Schein, untermalt von trashigem Hip Hop, got money in my pocket and a bitch on top. Danach: ein enthemmter Peer Gynt, vollkommen größenwahnsinnig, der sich selbst als “den Propheten” betitelt und letztendlich im Irrenhaus endet. Das berühmte Sinnbild der Zwiebel unterstreicht seine Lebensbilanz: viele Hüllen, jedoch kein Kern.


(c) Thomas Dashuber

Die Charakterentwicklung vom unsicheren hin zum übersteigerten Peer Gynt vollzieht er mit viel Leidenschaft und komödiantischem Talent, während Andrea Wenzl, eigentlich ganz untypisch für sie, sanfte Töne anschlägt. Dass die beiden Schauspieler bestens harmonieren, zeigten sie bereits in Orest - ebenfalls unter der Regie von David Bösch.
Dessen bravouröse neue Inszenierung bewegt sich kunstvoll zwischen The Wolf of Wall Street und Legenden der Leidenschaft hin und her und punktet vor allem mit außergewöhnlich ästhetischen Bildern. Als sich Solveig und Peer zwischen mit Lichterketten bespannten Bäumen treffen und das Mädchen ihren herzförmigen Luftballon loslässt, vergeht man fast vor Romantik. Die knorrigen Baumstämme und der frostbedeckte Boden tun ihr Übriges. Es sind Szenen von tiefer Schönheit, welche den krassen Kontrast zu Peers Absturz am Ende noch stärker hervorheben. Gynt ist Ibsens Faust – auf der Suche nach dem Kern, der die Welt zusammenhält. Dass sein ganz persönlicher Kern Solveig heißt und bis zum letzten Moment vergeblich auf ihn wartet, das übersieht er.

Weitere Vorstellungen am 12., 16. und 25. Dezember, Karten ab 8€
Informationen und Spielplan unter www.residenztheater.de

Etwas dreckiger, bitte

Genau fünfzehn Minuten dauerte es, bis der erste BH auf die Bühne flog: The Baseballs brachten am Dienstag ein Stückchen Rock ‘n’ Roll zurück in die Muffathalle.


So viel Testosteron spürt man sonst nur beim WWE SmackDown. Das liegt einerseits an der überraschend hohen Zahl an männlichen Gästen, andererseits an der geballten Power der sieben Jungs auf der Bühne. Im Vordergrund: Basti, Sam und Digger, besser bekannt als The Baseballs. Dahinter: ihre vierköpfige, absolut fantastische und akrobatisch hochbegabte Band.

Sie legen ohne Umschweife, sprich ohne Vorband, los. Ein Warm-Up ist auch nicht nötig. Der klassische 50s-Takt geht sofort ins Bein. Platz zum Tanzen ist leider nicht da, deshalb begnügt man sich mit ausschweifendem Hüftgewackel.
Besser können es die Kerle auf der Bühne. Es braucht gerade mal fünfzehn Minuten, bis ihnen der erste Spitzen-BH entgegenflattert. Ein bisschen irritiert hängen sie ihn an das Schlagzeug, dann wird weitergemacht.

The Baseballs gehören zu den wenigen Bands, die live besser sind als auf jeder Platte. Ihre Performance spielt da sicher mit rein. Sie sind bis zur Perfektion hochstilisiert. Haartollen, enge Jeans, Lederjacken. Und der Hüftschwung. Den beherrscht allerdings nur Sam richtig gut. Der Münchner würde ihn als “Mannsbild” bezeichnen, ein Berg von einem Mann. Digger, der auf den schönen Namen Rüdiger getauft wurde, deckt die Kulleraugenspalte ab, und Basti ist offenbar der Witzbold der Truppe. Sie erfüllen sämtliche mögliche weibliche Fantasien, das dürfte ihr Erfolgsrezept sein. Die Stimmung ähnelt einem Elvis-Konzert in den 1950er Jahren. Kreischende, dehydrierte Fans aller Altersklassen, von 16 bis 66 ist alles vertreten. Es ist aber auch eine Wahnsinnsidee: aktuelle Songs mit Rock ‘n’ Roll covern, meistens sogar verbessern. Rihannas Umbrella wirkt recht fad gegen die Version der Baseballs.



Aber: sie sind zu sauber. Das Konzert läuft zu perfekt, zu durchgetaktet. Zwar wird brav mit den Fans interagiert, dennoch bleibt eine etwas gezwungene Atmosphäre. Sie sind einfach zu brav. Sagen wir es so, der durchschnittliche Familienvater hätte kein Problem damit, sein Töchterchen alleine auf eines ihrer Konzerte zu schicken, Hüftschwung hin oder her. Sie wirken ein bisschen wie aus der Coca-Cola-Werbung, süß, aber ein bisschen zu schmalzig. Schade eigentlich, manche mögen’s ja doch dirty.

Nichtsdestotrotz sind sie erwachsen geworden. Seit ihrem Karrierestart 2009 hat sich einiges getan, ihr Stil hat sich verändert, mittlerweile schreiben sie auch selbst Songs. Richtig gute, übrigens. Aus einem kleinen Zelt auf der Tollwood 2010 wurde 2014 eine volle Muffathalle, aus einem Echo zwei, aus nationalem ein internationales Publikum. Ihre Shows mögen durchgeprobt sein, ihre Auftritte sind trotzdem sehr sehenswert. Für zwei Stunden gaben sie München ein Stückchen Rock ‘n’ Roll zurück.

Besucht ihre Website unter www.thebaseballs.com

Montag, 24. November 2014

Wenn sich alles um dich dreht

Sie nimmt sich alles, ohne Rücksicht auf Verluste, stets auf der Suche nach dem Stückchen Glück: Seit dieser Woche ist Madame Bovary im Marstall zu sehen.

Hätte Emma Bovary (Sophie von Kessel) einen ordentlichen Psychotherapeuten gehabt, so hätte der ihr höchstwahrscheinlich eine manische Depression diagnostiziert. So aber fristet sie, unverstanden von Mann und Familie, ein einsames Dasein. Warum sie denn immer so traurig sei, will ihr Gatte Charles (René Dumont) wissen, es fehle ihr doch an nichts. Und tatsächlich, Materielles ist genug da. Emma scheut auch nicht davor, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Ihr Ehemann ist Arzt, eigentlich mehr ein Viehdoktor, er behandelt aber auch die feine Gesellschaft der Gegend. Zumindest so lange, bis er eine Operation verhunzt und kurz vor dem Ruin steht.


(c) Thomas Dashuber

Um den tristen Charles schert sich Emma allerdings herzlich wenig. So versinkt in ihrem Selbstmitleid, weint viel, hat Atemnot. Zwischendurch kauft sie beim zuvorkommenden Monsieur Lheureux (Wolfram Rupperti) ein, auf Rechnung, versteht sich. Hätte diese Frau nicht so ein dramatisches emotionales Innenleben, könnte man meinen, bei einer neuen Folge Sex and the City zuzuschauen. Schwer vorstellbar, dass die Basis dieses Stücks, der Roman von Gustave Flaubert, bereits 1856 erschien.

Irgendwann beschränkt Emma sich nicht mehr nur aufs Shopping. Sie sucht sich Liebhaber, eingenommen von der Vorstellung, endlich mit Leidenschaft erfüllt zu werden. Anfangs scheint das auch zu funktionieren: Rodolphe Boulanger (Bijan Zamani) ist passionstechnisch optimal ausgestattet, er vergöttert sie geradezu. Aber Emma will mehr. “Entführen” soll Rodolphe sie, weg von Charles, weg von ihrem (nicht auf der Bühne zu sehenden) Kind, hin zu einem Leben, wie sie es sich vorstellt.

Rodolphe kneift. Einen Brief hinterlässt er ihr noch, dann ist sie wieder allein. Und der ach so nette Monsieur Lheureux möchte auch endlich sein Geld haben, mit Zinsen und sofort. Niemand kann oder will ihr einen Kredit geben, die Schwiegermutter (Gabriele Dossi) will sie nicht mehr im Haus haben, selbst Charles wendet sich von ihr ab.
Es kommt, wie es kommen muss – der tragische Selbstmord der weiblichen Hauptfigur, tausendmal gesehen. Emma stiehlt Arsen aus dem Schrank des Hausapothekers Monsieur Homais (Thomas Gräßle) und findet ihre blutige Erlösung.

(c) Thomas Dashuber
Dennoch ist diese Inszenierung von Mateja Koležnik ganz anders als das klassische Gesellschaftsroman-Geschwurbel von Fontane und Co. Hauptsächlich dürfte das an einer exzellenten Sophie von Kessel liegen, die Emmas Facetten der Verzweiflung so authentisch und einfühlsam verkörpert, wie es kaum eine andere Schauspielerin am Staatsschauspiel könnte. Zudem hat Henrik Ahr eine Bühne zusammengezimmert, die neue Möglichkeiten der räumlichen Gestaltung ermöglicht.
Das drehbare obere Element gibt die Sicht auf einen Raum unter der eigentlichen Bühne frei, aus dem die Schauspieler heraussteigen und in den sie wieder hinabkraxeln. Schlichtes, weißes Design fügt sich unaufdringlich in das Regiekonzept, während sich alles um Emma dreht – bis sie das Gleichgewicht verliert.

Viel Applaus für eine stille, dennoch kraftvolle Inszenierung mit einer herausragenden Hauptdarstellerin.

Weitere Vorstellungen am 07. und 17. Dezember. Karten ab 8 Euro
Informationen und Spielplan unter www.residenztheater.de

Samstag, 22. November 2014

Worte, vergoldet

Es gibt noch etwas zwischen Mario Barth und Volker Pispers. Keine Late-Night-Comedy, kein politisches Kabarett, sondern feinsinnig dazwischengemogelt: Jochen Malmsheimer füllte in den letzten Tagen das Lustspielhaus.


Würde man ihm auf der Straße begegnen, wäre die erste Assoziation vielleicht: Maurer. Schreiner. Irgendwas mit Handwerk. Die bärige Erscheinung spräche dafür. Hauptberuflich ist Malmsheimer jedoch Wortakrobat. Wie kein Zweiter weiß er mit der deutschen Sprache umzugehen. Weit weg vom schnöden Wortspiel formt er wahre Kunstwerke aus Silben, die nebenbei so erheiternd sind, dass schon nach wenigen Minuten die Tränen fließen. Allerdings bleibt die Erschöpfung nicht aus – das Hirn muss mitmachen. Abschalten? Is’ nich’. Dafür sind seine Sätze zu komplex, seine Wortführung zu vielschichtig.

Seine Eloquenz lässt Schriftsteller vor Neid erblassen, der angehende Jungjournalist sitzt dagegen fassungslos im Lustspielhaus und fragt sich: Wie zur Hölle schaffe ich es, mich auch so zu artikulieren?! Werde auch ich eines Tages so professionell über Curling, Fernsehwerbung oder Nudelsalat referieren können?
Dem ein oder anderen Fernsehzuschauer dürfte der Essener noch bekannt vorkommen. Bis 2013 verkörperte er in Neues aus der Anstalt den Anstaltshausmeister. Allen anderen sei sein umfangreiches Werk ans Herz gelegt – intelligenter geht gute Unterhaltung kaum.

Seine Website ist hier zu finden.

Freitag, 21. November 2014

Büchner, geschüttelt, nicht gerührt


Zum ersten Mal durfte Jungregisseur Abdullah Kenan Karaca auf der Großen Bühne inszenieren – sein Woyzeck feierte am Donnerstag im Münchner Volkstheater Premiere.
Herrlich idyllisch könnte das Leben sein. Und so rauscht aus dem Gestein, welches Bühnen- und Kostümbildner Davy van Gerven ins Volkstheater verfrachtet hat, auch laut plätschernd das Wasser heraus. Aber genau wie Franz Woyzecks Leben ist auch der Fels nur eine hübsche Attrappe. So schlägt sich Woyzeck (Sohel Altan G.) als Versuchskaninchen für den Herrn Doktor (Pascal Fligg) durch, isst monatelang nur Erbsen und lässt sich bis zum Erbrechen erniedrigen. Alles für seine Marie (Magdalena Wiedenhofer) und das ungeborene Kind.

© Gabriela Neeb
 Die Aufteilung der Szenerie ist großartig: im Hintergrund die Felswand, links ein Schminktisch, rechts eine reich gedeckte Tafel, an gespeist wird. Ein ermöglichter Rundblick über das Geschehen, der eine nie dagewesene Simultanität real werden lässt. So beobachtet der Zuschauer, wie Woyzeck seinen Hauptmann (Silas Breiding) unter Hohn und Spott rasieren muss, während sich im Hintergrund Marie und der Tambourmajor (Jakob Geßner) aneinander annähern. Doch im Gegensatz zu Büchner’schen Vorlage findet Marie nicht etwa zärtlich Zuflucht bei ihm, sondern muss eine brutale Vergewaltigung über sich ergehen lassen, woraufhin der Major demonstrativ seinen Hosenstall schließt und mitten in die tafelnde Gesellschaft spaziert.

© Gabriela Neeb

Sohel Altan G. ist hier in seiner ersten Hauptrolle zu sehen und beweist mit Bravour, dass er dieser gewachsen ist. Sein Franz Woyzeck ist ein verängstigter Phobiker, ständig am Zittern, nicht fähig, seine Geliebte zu berühren. Wie ein geschlagener Hund krümmt er sich, lässt die zahlreichen Demütigungen wortlos über sich ergehen, und nur, als das Verhältnis von Marie offen gelegt wird, entgleitet ihm ein einziger, verzweifelter Schrei, dann sackt er wieder in sich zusammen.

Karaca und sein Dramaturg David Heiligers haben auch ihrerseits Fragmente aus Büchner-Werken entnommen und sie in diese Inszenierung eingefügt. Die leidenschaftliche Liebe aus Leonce und Lena und diverse Zeilen aus dem Lenz, die der Idiot Karl (Okan Cömert) weise dazwischenstreut. Ganz weiß ist er, mit dämonisch roten Augen, und dennoch hat er das unschuldige Lächeln eines Kindes und verteilt seine Lebensweisheiten wie Brot an Tauben. Man möchte mehr von diesem jungen Schauspieler sehen, den sich das Volkstheater vom Max Reinhardt Seminar in Wien ausgeborgt hat, ebenso wie Silas Breiding, der den Hauptmann verkörpert. Dieser ist bei Breiding nicht etwa zackig und regelkonform, sondern nahezu hysterisch entspannt und spuckt noch einmal in den verschütteten Wein, bevor er Woyzeck anweist, diesen aufzulecken.

Wie viel Erniedigung erträgt der Mensch? Woyzeck schluckt viel bitteren Spott, bis er explodiert — Marie stirbt, so will es Büchner, durch einen Messerstich. Dass sie dabei das ungeborene Kind noch im Leibe trägt, das ist die Gemeinheit, die uns der Regisseur zumutet; wieso das Kind allerdings nie, wie vorgegeben, geboren wurde, bleibt unklar.
Alles in Allem eine nicht immer stimmige, dennoch sehenswerte Inszenierung, getragen durch ein ehrgeiziges Ensemble und wenig Schnickschnack.

Weitere Vorstellungen am 23.11., 07.12., 08.12., 09.12.
Karten ab 8,50€
Informationen und Spielplan unter www.muenchner-volkstheater.de

Sonntag, 19. Oktober 2014

Das Theater scheint ein Ausweg zu sein

Nach Caesar haben Nachwuchsregisseur Danijel Szeredy und sein Team ein weiteres Projekt auf die Beine gestellt: Try – Bukowski – Versucht ehrt einen Schriftsteller, dessen Lebensinhalt von Leidenschaft, Exzess und Wut geprägt war.

Dieses Mal jedoch befinden wir uns nicht im muffeligen Keller der Kleinen Künste, sondern im Rationaltheater. Die roten Wände, die Plüschsessel, die Bar aus dunklem Holz, diese Mischung aus Kaschemme, Puff und Salon, das ist es, was die Atmosphäre realistisch macht. Und wenn er, der große Charles Bukowski, damals nach München gekommen wäre, dann hätte er wohl hier seine Lesung gehalten. Er wählte aber Hamburg als Ort des Geschehens, 1978 trat er im Zuge seiner Ochsentour in der restlos ausverkauften Markthalle auf und begeisterte tausende Menschen mit seinen Gedichten.

Charles “Hank” Bukowski war vor allem eines: eine destruktive Persönlichkeit. Alkohol, zahlreiche gescheiterte Beziehungen und sein weitreichender Welthass machten ihn zum enfant terrible der Schriftstellerszene. Noch nach seinem Tod ließ er seinem Zynismus freien Lauf: DON’T TRY steht auf seinem Grabstein. Versuch’s nicht erst.
Foto: Laura Spes
Das Team um Szeredy versucht es trotzdem. 36 Jahre später, mit wenig Mitteln, viel Talent und flaschenweise Weißwein. Aus Tagbuchschnipseln, Videoaufzeichnungen, Prosafragmenten und Selbstgeschriebenem bastelt es das Portrait eines Künstlers, der immer auf der Suche war. So wie die Theaterschaffenden selbst offenbar auch; “in seinen Texten gibt es Momente der Wiedererkennung, die uns faszinieren; sie skizzieren ein Grundgefühl von ambivalenter Einsamkeit und Heimatlosigkeit, mit dem wir uns zu großen Teilen und in hohem Maße identifizieren können.”, heißt es im Programmheft.

Und so suchen sie, in Paris, in Andernach, in Hamburg und Kalifornien und nehmen den Zuschauer mit auf einen mit traurigen Klavierklängen untermalten und schwer alkoholumnebelten Trip. Man verliert sich leicht in der Romantik des Schriftstellerdaseins. Es hat was, dieses Bukowski-Leben. Die aus der Verzweiflung geborene Lust am Schreiben, das Lotterleben mit den Ladies, der Hass, der Rausch.

I was drawn to all the wrong things: I liked to drink, I was lazy, I didn’t have a god, politics, ideas, ideals. I was settled into nothingness; a kind of non-being, and I accepted it. I didn’t make for an interesting person. I didn’t want to be interesting, it was too hard. What I really wanted was only a soft, hazy space to live in, and to be left alone.

Nothingness – was für ein akkurates Wort. Identifikationspotential für unsere verlorene Generation hat es eindeutig. Deswegen sympathisiert man auch stark mit diesem abgefuckten, fremdgehenden Chauvinisten, der er ist. So lange, bis ein Videomitschnitt eingespielt wird, der Bukowski und seine große Liebe Linda Lee zeigt. Also den echten, wahren, großporigen Charles Bukoswski. Von Liebe ist da nicht viel zu spüren, er tritt, beschimpft und verhöhnt die zarte Frau neben ihm, sein Gesicht rötet sich vor Wut. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Hinfällig ist der romantisch verklärte Postpessimismus, vergessen die Sympathie. Es bleibt das verzerrte Bild des selbsternannten Dirty Old Man, welcher alles Leben um sich herum verachtet. Und die Erinnerung an fünf exzellente Schauspieler, die professionell mit ihren Rollen jonglieren. Fast dokumentarisch anmutende schnelle Szenenwechsel, panisch echt wirkende Wutanfälle, lautes Flaschenklirren; es fügt sich alles zu einem Kunstwerk zusammen. Es ist keine Huldigung, keine Karikatur des Ausnahmepoeten Bukowskis, sondern mehr eine feinsinnige Interpretation des vorhandenen Materials.

Diese Inszenierung ist wie der Wein, den Bukowski so liebte: zu viel davon würde Kopfschmerzen verursachen. Nach diesem zweistündigen Abend verlässt man das Theater aber allenfalls mit einem angenehmen Schwips. Gratulation zu einem äußerst gelungenen Stück.

Mit: William Newton, Lev Semenov, Isabel Will, Naima Laube und Danijel Szeredy

Weitere Vorstellungen am 29.10., 30.10., 12.11., 13.11., 14.11.2014 jeweils um 20 Uhr. 16/8 Euro
Im Rationaltheater
Hesseloherstraße 18
80802 München

Reservierungen unter: bukowski@rationaltheater.de

Freitag, 17. Oktober 2014

Ich bin der Neue

Sein Lebenslauf liest sich so, wie sein Name für deutsche Ohren klingt: außergewöhnlich. Jisroel Iftach Wilbuschewitz, oder Jeff Wilbusch, wie er sich nennt, ist seit der neuen Spielzeit fest an den Münchner Kammerspielen angestellt – und das noch vor seinem Abschluss an der Otto-Falckenberg-Schule. Das Ausnahmetalent aus Israel erzählt im Interview, auf welchen Umwegen es ihn an die Kammerspiele verschlagen hat und wieso kontroverse Themen auf die Bühne gehören.

© Janine Guldener
Du hast zunächst Wirtschaftswissenschaften in den Niederlanden studiert. Wie kam es dazu?

Meine Mutter wurde in Holland geboren, deshalb lag das nahe. Außerdem hat es mich interessiert, wie Geld ‚funktioniert‘, und in welchem Verhältnis dazu das Glück steht. Das wurde auch das Thema meiner Abschlussarbeit. Mir war zwar schon im zweiten Semester klar, dass aus mir definitiv kein Investmentbanker wird, aber es war mir wichtig, das Studium zu Ende zu bringen. Und ich bin froh, das durchgezogen zu haben, ich hab‘ viel daraus gelernt.

Hattest du vorher schon Avancen, Schauspieler zu werden?

Nein, gar nicht. Ich war auch eher selten im Theater. Ich hab‘ viel Musik gemacht während meiner Schulzeit (The Jeff Project, Anm. d. R.), irgendwann kam dann jemand auf die Idee, dass ich mal zum Vorsprechen gehen sollte. In Israel wurde ich an einer Schauspielschule angenommen, noch während ich parallel meine Masterarbeit geschrieben habe. Und dann hörte ich davon, dass man hier in München noch zwei Männer für den nächsten Studiengang an der Otto-Falckenberg-Schule sucht, das war im Juli 2011.

Warum Deutschland, warum München?

Ich habe einen deutschen Pass. Viele Mitglieder meiner Familie sind deutsche Juden, die während der NS-Zeit nach Israel geflohen sind. Ich war zuvor nie in Deutschland, wollte aber immer verstehen, woher ich komme. Was ‚Deutschland‘ bedeutet. Deshalb bin ich zum Vorsprechen gekommen, auch wenn ich damals kein Deutsch konnte und niemanden hier kannte.

Es ist beachtlich, dass du sofort angenommen wurdest. Viele bereiten sich jahrelang auf die Aufnahmeprüfungen vor und werden trotzdem immer wieder weggeschickt.

Ja, das war schon irgendwie komisch. Man weiß ja, dass sich hunderte Leute für diesen Platz bewerben. Ich hatte auch anfangs nicht den Anspruch, angenommen zu werden. Ich dachte aber, dass das bestimmt eine schöne Erfahrung sein könnte. Wer weiß, vielleicht wurde ich ja nur deshalb angenommen, weil ich zuvor nie wirklich Kontakt mit dem Theater gehabt habe und deshalb anders an die Sache rangegangen bin?

Was hast du beim Vorsprechen vorgetragen?

Einen Monolog aus Henrik Ibsens Ein Volksfeind. Lustige Auswahl, ich weiß (lacht). Außerdem noch einen selbstgeschriebenen Monolog. Das fand ich sehr schön, die Falckenberg ist meines Wissens die einzige Schule, an der man was Selbstgeschriebenes vortragen darf.

Du hast den Ibsen-Monolog auf Deutsch vorgetragen? Obwohl du noch kein Deutsch konntest?

Ja. Ich habe viel mit deutschen Bekannten geübt, ich spreche ja auch Jiddisch und Holländisch, deswegen ging das schon. Klar, Hochdeutsch war das nicht wirklich. Aber mittlerweile hab ich ein bisschen Flow, wenn ich Deutsch spreche (lacht).

Warum Theater – und nicht Film?

Wenn sich was ergibt, würde ich auch Filme machen. Alles, was mich interessiert, würde ich machen. Aber eine Mauer baut man auch nur Stein für Stein.

Gibt es irgendetwas, was du auf der Bühne niemals tun würdest?

Nein. Wenn das berechtigt wäre und ich es nachvollziehen könnte, würde ich, denke ich, alles machen.

Was begeistert dich am Theater?

Die Auseinandersetzung mit Themen, die sonst vielleicht unter den Teppich gekehrt werden. Das hat man bei Die Neger gesehen. Viele sagen zum Beispiel, Rassismus gibt es in unserer Gesellschaft nicht mehr. Das ist falsch! Jeder von uns ist ein bisschen rassistisch. Jeder von uns hat eine gute und eine böse Seite. Die Auseinandersetzung mit diesen Problemen, das ist es, was Theater interessant macht. Natürlich wäre es einfach, ein angenehmes, lustiges Stück zu präsentieren. Das wäre dann erfolgreich, das Publikum würde es mögen. Aber die Diskussionen, die allein der Titel des letzten Stückes ausgelöst hat, zeigen doch, dass man diese kontroversen Thematiken ansprechen sollte.

Das Theater soll uns also helfen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen?

Richtig. Ich denke, wenn da Leidenschaft und klare Gedanken dahinter stehen, ist das auch möglich. Und gerade die Themen, die wir ungern ansprechen, die gehören auf die Bühne.

Vielen Dank für das Interview!

Jeff ist zu sehen in

Die Neger von Jean Genet
Geschichten aus dem Wiener Wald von Ödön von Horváth

Gekürzte Fassung. © Juliane Becker

Dienstag, 14. Oktober 2014

Schwarze Abgründe

In einem Zeitalter, in dem wir es aus Kinderbüchern entfernen lassen, ist es mutig ein Stück zu inszenieren, welches das N-Wort provokativ als Titel trägt: Am Samstag feierte Die Neger in den Münchner Kammerspielen Premiere.

Man nehme ein Stück über Schwarze, die für Weiße eine Szenerie nachspielen, in der ein Neger eine weiße Frau ermordet. Dann fügt man groteske Masken hinzu, legt eine langsam schmelzende Wachsfigur in die Mitte der Bühne, untermalt das Ganze ab und zu mit Hip Hop und paff hat man das kontroverseste Stück des Jahres produziert. Johan Simons ist sich bewusst, in welche Situation er sich begibt. Und so beginnt das Programmheft zur Inszenierung mit einer Vorrede, in der sich der Regisseur zu erklären versucht:
Schwarze halten noch immer als Sündenbock für die Abgründe der weißen Seele her. Jean Genet hat dieses Stück, wie er selbst betont, für ein weißes Publikum geschrieben. Diesem sollte der Spiegel vorgehalten werden. Dieses Publikum wollte er provozieren, indem ihm die rassistischen Klischees vorgeführt werden, mit denen Weiße Schwarze denunzieren, ausbeuten und unterdrücken. Er hat das Stück für schwarze Schauspieler geschrieben, die in einem sehr komplexen Maskenspiel diese Klischees verhöhnen sollten.”

Foto: JU / Ostkreuz

Ein Weißer, der ein Drama gegen die Weißen schreibt, welche von schwarzen Schauspielern verkörpert werden. So weit, so radikal. Nichtsdestotrotz riefen die Premieren in Wien und Hamburg Proteste von Anti-Rassismus-Aktivisten hervor. Unangebrachte Blackfacing-Motive auf den Plakaten, so hieß es, waren der Grund dafür.
Es gab also jede Menge Beef, wie schon 30 Jahre zuvor. Bereits 1983 hatte der große Peter Stein das plakative Stück zur Aufführung gebracht, Genet selbst billigte damals die Besetzung durch weiße Schauspieler. Auch in der Simons’schen Inszenierung sehen wir unter den langen Kleidern der Darsteller die weiße Haut hervorblitzen. Nur Felix Burleson, ein niederländischer Schauspieler mit Wurzeln in Surinam, bildet die Ausnahme.
Blöderweise hat er fast keinen Text. Meist beobachtet er die Clownerie um sich herum mit einem Lächeln und gibt ab und an zustimmende Töne von sich. Am vorherrschenden rassismusgeprägten Wortdurchfall (“Die Neger sollen sich vernegern”) stört er sich wenig.


Spätestens mit der Sichtung der Masken hat sich der rassistische erste Eindruck aber in Luft aufgelöst. Nichts anderes als eine Maskerade, eine Karikatur kann dieses Schauspiel sein, tragen doch alle Darsteller lachhaft eiförmige Masken auf dem Kopf. Einige sind mit eindeutigen Zeichen versehen, sodass die Identifikation leichtfällt, so hat der Richter (Edmund Telgenkämper) das Gesetzbuch mit Klettverschluss auf seinen Schädel gepappt, und der Missionar (Hans Kremer) trägt im erzbischöflichen Stil das Kreuz auf dem Haupte. Wie das Ensemble überhaupt seine Luftzufuhr sicherstellt, das bleibt unbekannt. Stattdessen ergehen sich alle in kolonialem Geschwafel und ziehen gesichtslos und puppenartig ihre Bahnen über die Bühne, während der Corpus Delicti sich langsam plätschernd ins Liquide zurückverwandelt.

Burleson und Stefan Hunstein teilen sich die Rolle des Spielleiters Archibald. Eine Rolle in zwei Körpern, das kann nicht gut gehen. Die schockierend schlechte Kostümierung von Hunstein wirkt, als hätte sich der Schauspieler in der Garderobe noch schnell selbst die braune Latexmaske ins Gesicht geklebt, die Augen glitzern unpassend blau hervor, die Glatzenkappe sitzt nicht richtig. Gewollt oder ungewollt schlecht, das ist hier die Frage.
Es hat was von Inception. Hautfarben-Inception. Weiße, die Schwarze spielen, die Weiße und Schwarze spielen, die Weiße ermorden – Was für ein Chaos. Ein hochstilisiertes zwar, aber dennoch Chaos. Verhaltener Applaus, hauptsächlich für die körperliche Belastung, der sich die Schauspieler erfolgreich gestellt haben. Man hätte dann doch lieber ihre Gesichter als diese Masken gesehen.

Weitere Vorstellungen am 20. und 30. November, Karten ab 8 Euro
Informationen und Spielplan unter www.muenchner-kammerspiele.de

Dienstag, 23. September 2014

Fass mich an

Copyright: Eleanor Stills
So mancher Künstler entwickelt mit steigendem Ruhm eine gewisse Arroganz – bei Watsky hingegen hieß es am Sonntag jedoch: Anfassen erwünscht.

Es mag an der Location liegen, dass das Ganze wie ein netter Barbesuch unter Freunden wirkt. Das Ampere neben der Muffathalle ist nicht mal voll, maximal hundert, vielleicht hundertzwanzig Leute sind da. Wer ganz hinten steht, ist trotzdem nur knapp sechs Meter vom Bühnenrand entfernt. Wofür man sich bei größeren Bands stundenlang vorher anstellen muss, kommt man bei Watksy auch noch 30 Minuten vor Beginn easy hin – ganz nach vorne, praktisch zu Füßen des Künstlers.
Der lässt allerdings auf sich warten. Knapp anderthalb Stunden und zwei Vorbands müssen überwunden werden, bis sich George Watsky blicken lässt. Seine Supporter sind dabei recht unterhaltsam: Neben Anderson Paak, der ein wenig zu sehr auf seinen Namen fixiert ist (“What’s my mothafuckin’ name?!” – Nach dem fünfzehnten Mal wussten es dann alle) hat er auch die schottische Band The Lafontaines verpflichtet, die ordentlich Stimmung machen.  Vermutlich spielt da auch der schottische Akzent mit rein – die fünf Jungs aus Glasgow müssen danach die wenigen Mädels des Abends richtiggehend abwimmeln.

Copyright: Eleanor Stills

 Ohne große Ankündigung kommt dann aber schließlich Watsky auf die Bühne gejumpt und startet die Show mit Bet Against Me. Kaum hat er die letzte Silbe gesprochen, geht es schon weiter. Atempausen gönnt sich der 28jährige kaum. Zwischen seinen Songs gibt es immer wieder Poetry-Einlagen, die er in gewohnter Schnelligkeit auf das Publikum niederprasseln lässt. Und verdammt, er ist gut. Nicht umsonst ist er mit College-Slams berühmt geworden, seine Texte sprühen vor Intelligenz und Wortwitz. Sobald der letzte Laut seine Lippen verlässt, beginnt der nächste Song, er hüpft, er schreit, er setzt sich sogar ans Schlagzeug. Der schmächtige George Watsky definiert den Begriff “Energiebündel” neu – und er ist so publikumsbezogen, dass man ihn am liebsten auf die nächste Party mitnehmen würde. Da werden Hände geschüttelt, Fistbumps verteilt und das Lächeln erwidert, nach dem Konzert geht er erst gar nicht hinter die Bühne, sondern gesellt sich zu seinen Fans, quatscht hier und da ein wenig und posiert ungefragt für Fotos. Es ist fast ein wenig verwirrend – er ist doch irgendwie ein Star, sollte er sich nicht auch so verhalten? Normalerweise ist man gewohnt, dass der Künstler verschwindet und nur für eine Zugabe wieder kommt, aber Watsky ist da, vor mir, und oh mein Gott,  ich kann ihn anfassen!

Bleibt zu hoffen, dass der Rapper so bodenständig bleibt. Zumindest in Europa ist sein Bekanntheitsgrad doch noch eher gering – das erklärt auch die fairen Ticketpreise von gerade mal 16 Euro. Wermutstropfen: seine Musik scheint unverständlicherweise hauptsächlich männliche Minderjährige mit Hang zum Grabschen anzuziehen. Die bilden nämlich das Hauptpublikum an diesem Abend, auch wenn sie vor 24 Uhr verschwinden, weil Mami den Elternzettel nicht unterschrieben hat.

Besucht seine Website unter www.georgewatsky.com


Montag, 25. August 2014

Hamburg, harr harr

5 Tage Hamburg, hier ist die Kurzfassung. Falls explizitere Kritik an den Musicals geübt werden soll, kommentiert das hier.

Spamalot im St.-Pauli-Theater: Trash extrem und für jeden, der Monthy Python liebt, uneingeschränkt zu empfehlen. Studenten kriegen ganze 50% Rabatt auf die Eintrittskarte!
http://www.st-pauli-theater.de/programm/2014/spamalot.php

Rocky - The Musical im Tui Operettenhaus: Schon zum zweiten Mal gesehen und ein wenig enttäuscht. Wieder mit Zweitbesetzung (Detlef Leistenschneider anstatt dem anbetungswürdigen Drew Sarich, meh) und irgendwie nur auf 80%. Einfach mal gucken, wer an dem Abend spielt. Ansonsten eine mehr als technisch hochqualitative Show.
http://www.stage-entertainment.de/musicals-shows/rocky-das-musical-hamburg.html

Hamburger Poetry-Slam-Meisterschaften: Sorry München, Hamburg hat eindeutig die besseren Poeten. Kaum ein langweiliger Text dabei, die Fischköppe ham's ziemlich drauf. Zur Weiterbildung: Paul FejfarFabian Navarro und Tolga Daglum. Anschauen.
David Friedrich, der charmante Interviewpartner des letzten Posts, ist übrigens zum zweiten Mal Hamburger Stadtmeister geworden. Applaudieren angebracht.

Was ich von Hamburg gelernt habe: 1. Frisuren sind da für'n Arsch, hält eh nicht. 2. Erst nach dem dritten Bier erträgt man Astra. 3. Günstig und gut essen kann man überall. 4. Ich habe niemals einen schlimmer stinkenden Bahnhof als den S-Bahnhof Reeperbahn gesehen. 5. Kapitäne leihen einem ungefragt ihre Mütze. 6. Münchner sind überall. ÜBERALL! 7. Schenefeld ist nicht Hamburg. 8. Digger ist eine anerkannte Anrede. 9. Im Übrigen hatte ich noch nie einen schlimmeren Schädel als von Astra. 10. Radler heißt Alsterwasser (auf keinen Fall aus der Flasche trinken, sondern frisch mixen lassen) und ratschen heißt schnacken. 11. Rauchen in Kneipen gehört zum guten Ton und der Barkeeper muss mindestens so blau sein wie du. 12. Nimm IMMER einen Regenschirm mit. Oder kauf dir so ein hässlichen Ganzkörpercape. 13. Ampeln sind gänzlich sinnlos in Hamburg. 14. Jeder hat 'ne Cap oder ne Mütze auf. 15. In der Bartholomäustherme sind nur Senioren, und wahlweise Münchner, die man zufällig auftut. 16. Jeder mehr oder weniger große Stadtteil hat mindestens ein Einkaufszentrum. 17. Pechkekse sind teuer, aber sehr lustig und ein lustiges Mitbringsel, für Menschen, die schon alles haben. 18. Transen unterscheiden sich von Tumoren, weil Tumore auch gutartig sein können (gelernt in Olivias Show Club, und sowas würde ich natürlich nie sagen). 19. Vor 22 Uhr tanzen nur Mittvierziger und Junggesellinenabschiede in den Clubs. 20. Wir siezt, wird gehauen.

Blick vom Boot.


Alles andere: Trinkt 'nen Kaffee in der Kaffeerösterei in der Speicherstadt. Anstehen lohnt sich derbe.

Steht auf der Packung der Pechkekse.
Fazit: Dope, wie der Hipster sagt. Da kann man bleiben.

Donnerstag, 14. August 2014

Theaterferien sucken.

Ich fühl mich ja schon echt einsam, irgendwie. Kein Abend, an dem man mal spontan ins Theater gehen kann, nix Neues, alle sind sie in den Spielzeitferien. Deswegen kommt hier auch zur Zeit nichts Aufregendes rein, es herrscht gähnende Leere...Dafür bin ich ab nächster Woche in Hamburg und schaue mir ein paar Musicals an! ROCKY war so awesome, da muss ich nochmal rein...und damit es hier nicht so langweilig bleibt, gibt es wenigstens darüber dann noch eine Review :)

Danke für eure zahlreichen Besuche!


Donnerstag, 31. Juli 2014

Wir nennen ihn einfach David


Er ist Münchens begabtester Poetry-Export — David Friedrich, seit ein paar Jahren Wahlhamburger und dort übrigens auch amtierender Stadtmeister, verirrt sich ab und zu noch in die Heimat. Glück für mich, denn ich durfte den 23-jährigen Slampoeten interviewen.

Wie bist du zum Slammen gekommen?

Durch Hip Hop. Wie viele kleine Pubertierende wollte ich Rapper sein, hab dann festgestellt, dass ich höchstwahrscheinlich dann doch kein Rapper werde. Aber der große Bruder einer meiner besten Freunde hatte eine Hip-Hop-Gruppe namens Creme Fresh, die sind
auch in der Schauburg aufgetreten und nachdem ich die dort sah, wollte ich es auch mal versuchen.

Wie läuft das, wenn du Texte schreibst? Setzt du dich einfach hin und fängst an?

Manchmal. Ich versuche es zumindest. Das wird aber meistens nichts. Da fehlt die zündende Idee.  Manchmal brauche ich ein Jahr für einen Text und schreibe ihn dauernd um. Ich bin da ein bisschen perfektionistisch.

Aus welchen Themen entsteht ein guter Text?

Das sind meistens die plumpen Themen. Mein vorletzter Text ging über Leute im Fitnessstudio (“Wir nennen ihn einfach Klaus”, Anm. d. R.). Jeder kennt sowas, und das macht auch am meisten Spaß, wenn jeder was damit anfangen kann. Früher hab ich auch viel über Beziehungen geschrieben und alle Probleme darin verarbeitet, was ja auch fast alle verstehen können. Manchmal gab’s auch politische Sachen. Hauptsache irgendwas, das jedem bekannt sein könnte.

Sollte ein Text eher tiefsinnig oder eher humoristisch sein?

Bestenfalls beides! Ich finde, die besten Texte sind immer welche, die einen zum Nachdenken bringen. Oder halt jegliche Form von Humor. Wobei die witzigen Texte ja die erfolgreichsten sind. Jemanden zum Lachen zu bringen ist allerdings mindestens genauso schwer, wie jemanden zum Nachdenken zu bringen.

Es kursieren aber sehr viel mehr melancholische als lustige Texte in der Slammer-Szene.

Die meisten Leute haben ja auch Probleme, wenn sie Texte schreiben. Wenn man gar keine Probleme hat und superglücklich ist und es nichts gibt, was einen nervt, dann kann es sein, dass man kein guter Autor wird – wenn man denn einer werden will. Das Meiste wird geschrieben, wenn Leute irgendwas zu verarbeiten haben.

Was ist dein persönlicher Lieblingstext von dir selbst?

Ein ganz alter, den ich damals mit meinem besten Freund fabriziert habe. Der heißt Irgendwie abstrakt.

Und von anderen Slammern?

Kollateralschäden oder Cola zermalmt Schädel von Dalibor. Nach wie vor einer meiner absoluten Lieblingstexte.



Wie viele Tage im Monat bist du auf Slams unterwegs?

Vielleicht acht bis zwölf. Dazu kommen noch Moderation, Workshops, Rhetorikkurse. Das kann manchmal etwas viel werden. Ab und zu habe ich mal fünf Tage im Monat frei. Aber man hat sich dann natürlich auch für so ein Leben entschieden.

Bist du überhaupt noch aufgeregt vor Auftritten?

Kommt darauf an. Neulich bin ich im ausverkauften Hamburger Schauspielhaus vor 1700 Leuten aufgetreten. Ausverkauftes Haus, viel Prestige, der Gewinner bekommt einen Startplatz für die Meisterschaften, da war ich tierisch aufgeregt. Aber gestern war ich auf dem Deichbrand-Festival vor über 6000 Leuten und hab den Slam moderiert. Das war anstrengend, aber ich war nicht aufgeregt.

Was unterscheidet das Publikum in Hamburg von Münchner Zuschauern?

Der Humor ist ein bisschen unterschiedlich. Die Hamburger mögen schwärzeren Humor. Und die lachen auch eher über sich selber.

Die Leute in München nicht?

Nee, ich glaube, die Münchner sind etwas empfindlicher. Wenn du in München Witze über die Münchner Schickeria machst, dann finden die das nicht so witzig, weil das ein Vorurteil ist, das so oft einfach nicht stimmt. Aber wenn du in Hamburg sagst, ihr seid doch alle Fischköpfe, dann finden sie das lustig. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass man in München nicht so gut mit Klischees umgeht wie anderswo.

Wie wichtig ist die Performance beim Slammen?

Kommt auf den Text an. Ich glaube aber, dass Körpersprache viel ausmacht. Niemand sollte sich auf der Bühne hinter einem Textblatt verstecken und stotternd irgendwas vorlesen. Da kann der Text noch so gut sein, das wird dann nichts. Performance sind 60% bei einem Auftritt, würde ich sagen.

Wie viel Wahrheit muss in einem Text stecken?

Eigentlich überhaupt keine. Ein Text kann auch erstunken und erlogen sein. Aber wenn du die Leute emotional kriegen willst, dann nimm einen wahren Text. Den bringt man dann auch besser rüber.

Du hast vor einem knappen Jahr ein Buch herausgebracht. Wie kam es dazu?
Zwei befreundete Slamkollegen haben mich einfach gefragt, ob ich da mitmachen will. Ich hab ja auch nicht extra was dafür geschrieben, sondern Texte von mir ausgewählt, die da reinpassten. Ist ‘ne coole Sache.

Wir kommen zur Entweder/Oder-Kategorie! Los geht’s: Lustiger oder tiefsinniger Text?

Lustiger!

Auftritt vor wenig Menschen in einer Kneipe oder vor vielen Zuschauern in der Halle?

Viele Menschen in der Halle!

Comedy oder Kabarett?

Kabarett!

Weißbier oder Astra?

Von Astra kriegt man Kopfschmerzen. Weißbier! Aber ich mag auch ein frisch gezapftes Jever gern.

Isar oder Elbe?

Beides!

Geht nicht.

Dann Isar. Weil die Elbe nicht wirklich zum Schwimmen geeignet ist.

Glas halb voll oder halb leer?

Immer halb voll. Manchmal aber halt auch randvoll.

Vielen Dank für das Interview!

David ist demnächst zu sehen u.a. in:

Hamburg//01.08.//Artville Open Air Slam
Köln//26.08.//Reim in Flammen Poetry Slam
München//25.10.//Poetry Slam im Rahmen des BMW Urban Festivals

Gekürzte Fassung. © Juliane Becker

Videos:

Wir nennen ihn einfach Klaus

Guten Morgen liebe Welt

Im Interview: Constanze Wächter und Pascal Fligg



Er ist schon seit 2009 mit dabei, sie kam diese Spielzeit frisch dazu: Constanze Wächter und Pascal Fligg bereichern das Ensemble des Münchner Volkstheaters mit Witz und Talent und geben uns heute Auskunft über ihr Leben als Schauspieler.

Wie seid ihr nach München gekommen?

Constanze: Das war Zufall. Am Ende der Schauspielschulzeit gab es ein zentrales Vorsprechen hier in München, und dann hat mich Christian Stückl zum Einzelgespräch eingeladen. Eine Stunde später rief er mich an und fragte, ob ich nicht nach München kommen wolle.
Pascal: Ich war hier beim Gruppenvorsprechen. Unsere ganze Klasse (der Folkwangschule Bochum, Anm. d. R.) hat mehrere Münchner Theater eingeladen, uns zu sehen. Nach diesem Vorsprechen hat mich dann Stückl gefragt, ob ich ihm noch weitere Rollen zeigen könnte, danach wurde ich aufgenommen.

Wie gut wird man in der Schauspielschule auf das tatsächliche Arbeiten im Theater vorbereitet?

Pascal: Natürlich greifst du auf die Techniken zurück, die du in der Schule gelernt hast, aber wie ein Theaterbetrieb läuft, das geht nur durch learning by doing. Ich war ganz nervös, weil ich wusste, dass ich ab dem 1. September hier sozusagen „gebucht“ bin, stand dann in meiner Wohnung und hab mich gewundert: soll ich nicht arbeiten? Ich war zwar in der ersten Produktion mit einer kleineren Rolle dabei, kam aber erst zwei Wochen später dran. Die ganze Zeit saß ich zuhause und hab mir gedacht, ich muss doch was machen! Ich muss doch was arbeiten!

Wie findet man sich Abend für Abend in eine komplett andere Rolle ein?

Constanze: Die Kollegen helfen mir immer sehr dabei.
Pascal:
Bei mir hilft auch ganz stark das Drumherum. Die Maske. Das Kostüm. Dann sehe ich mich damit im Spiegel und sehe die Kollegen in ihrer Aufmachung, die Bühne, die Requisiten. Das alles bringt mich fast automatisch in die Rolle, und dass man da mal durcheinanderkommt, ist eher selten.

Wie viel von euch selbst steckt in jeder Rolle?

Constanze: Natürlich ist von mir eine Menge dabei, man legt sich ja nie ab, das sollte man auch nicht. Aber der Reiz ist auch, dass man einen Charakter erstellen will, der mit einem persönlich nichts zu tun hat.

Gibt es eine Rolle, die ihr gerne mal spielen würdet?

Constanze: Bei mir wäre es Lady Macbeth. Aber ich bin gerade ziemlich zufrieden mit meinen Rollen hier.
Pascal: Ich hab schon einige Rollen gespielt, die ich schon mal spielen wollte. Aber eine „Traumrolle“ in dem Sinne gibt es nicht, ich freue mich jedes Mal wieder auf eine neue Produktion.

Wie ist die Arbeit mit Christian Stückl?

Pascal: Ganz unterschiedlich. Manchmal sitzt man vor Probenbeginn zwei Wochen am Tisch und diskutiert über das Thema, wie bei Stellvertreter, manchmal geht’s sofort auf die Bühne. Da ist Christian auch immer mit dabei, springt von Rolle zu Rolle. Männlich, weiblich, Diener, Herrscher, er probiert das auch sehr gerne aus.

Muss man sich als Schauspieler eine dicke Haut zulegen?

Pascal: Ja. Aber ich weiß jetzt nicht, ob das im Schauspiel viel mehr sein muss, als in anderen Jobs. Auch bei Bürojobs gibt’s jeden Tag Herausforderungen und ein Arbeitsklima, mit dem man klarkommen muss.

Aber gerade als Schauspieler ist man in einer Position, in der man bewertet wird, zum Beispiel von Kritikern. Wie geht ihr damit um?

Constanze: Ich suche nicht bewusst nach Kritiken. Man bekommt das schon irgendwie mit. Aber ich glaube, das darf man vor allem nie persönlich nehmen, sondern sollte eine gesunde Distanz bewahren.
Pascal: Meine Theaterlehrerin hat mir mal, nach einer guten Kritik, gesagt: „Freu dich erstmal, und dann nimmst du von der Kritik 50% weg, und dasselbe machst du bei schlechten Kritiken.“ Man sollte das schon wahrnehmen, aber sich nicht aus der Bahn werfen lassen – im guten wie im schlechten Sinne.

Wieso zieht ihr es vor, am Theater und nicht beim Film zu arbeiten?

Constanze: Ich mag beides. Film ist zwar was ganz anderes, aber ich bin sehr froh, direkt nach der Schauspielschule ein Festengagement am Theater bekommen zu haben. Außerdem lässt uns Christian Stückl da viele Freiheiten, falls wir Lust bekommen, mal was zu drehen.
Pascal: Ich fühle mich vor der Kamera nicht so wohl, da traue ich mir nicht so viel zu. Wenn ich das sehe, was ich da fabriziert habe, tu ich mir sehr schwer damit, das gut zu finden. Ich bin im Theater eher zu Hause.
Constanze: Stimmt! Ich habe mal in einer Fernsehproduktion von Frühlings Erwachen mitgespielt, und als ich mich das erste Mal im Film gesehen habe, bin ich zusammengezuckt. Das ist mittlerweile besser geworden, aber man kann sich halt viel besser selbst kritisieren, wenn man das Ergebnis seiner Arbeit auf Band hat.

Was muss man haben, wenn man Schauspieler werden will?


Pascal: Bock.
Constanze: Bock. Das ist das Allerwichtigste.

Vielen Dank für das Interview!

Constanze und Pascal sind zusammen in folgenden Produktionen zu sehen:

Geschichten aus dem Wiener Wald
Der große Gatsby
Das Wintermärchen

Gekürzte Fassung.

© Juliane Becker/Karin Dech

Mittwoch, 16. Juli 2014

Münchner Theaterpreis 2014

Foto: Volker Derlath


Der mit 10.000 Euro dotierte, alle drei Jahre vergebene Preis ging an Christian Stückl, Regisseur und Intendant am Münchner Volkstheater. In seiner Dankesrede sprach Stückl den geplanten Neubau des Schauspielhauses an: Bestenfalls im Viehhof solle das neue Gebäude entstehen und endlich Platz für alle Werkstätten, die Probebühne und den großen Saal bieten.

München gratuliert!

Montag, 14. Juli 2014

Im Interview: Kilian Engels

Foto: Gabriela Neeb.
Was hinter der Bühne geschieht, bleibt den meisten Theaterbesuchern verborgen. Wir erfahren Insider-Infos, Ensemble-Eskapaden und Gerüchteküchen-Gebrodel direkt aus erster Hand – von Menschen im Volkstheater.

Der Beruf des Dramaturgen ist ein Mysterium. Findet zumindest Kilian Engels, Chefdramaturg am Münchner Volkstheater.
 
Wie sind Sie ans Theater gekommen?


Als Schüler hab ich irgendwann angefangen, Theater zu spielen, aber nicht in der Schule, sondern im Jugendclub in Bonn. Das hat mir Spaß gemacht und dann hab ich, was eigentlich das Wichtigste ist, wenn man reinkommen will, Praktika beziehungsweise Hospitanzen gemacht. Und als ich dann mit dem Studium (Germanistik und Philosophie, Anm. d. Redaktion) fertig war, hab ich tatsächlich ohne eine Bewerbung schreiben zu müssen, hier angefangen. Ich kannte Christian Stückl aber schon von den Praktika. Für jeden, der in diese Branche will, kann ich nur sagen, dass man so früh wie möglich Kontakte knüpfen sollte.

Was genau macht ein Chefdramaturg?

Prinzipiell bin ich Abteilungsleiter einer Abteilung mit zwei Personen (lacht). Gemeinsam mit dem Intendanten schauen wir, welche Regisseure wir ans Theater holen, welche Stücke wir spielen, mit welchen Schauspielern wir arbeiten, welches Publikum kommen soll.

Ist die Arbeit eines Dramaturgen mehr Kunst oder doch mehr Handwerk?

Nichts davon! Als Künstler wäre ich ja hier völlig falsch. Und Handwerk ist es auch nicht. Ich denke, dass dieser Beruf schwer ausbildbar ist. Das hat viel mit Intuition und Erfahrung zu tun. Ist irgendwie… mystisch.

Ist das Volkstheater denn vorrangig Unterhaltungstheater?

Nein! Dafür haben wir in München ja Privattheater. Die machen eine Kriminalkomödie mit einem aus dem Fernsehen bekannten Menschen, und alle haben einen guten Abend. Es gibt zwar die Tendenz, und das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir eher aufs Geld gucken müssen als die anderen, dass wir versuchen, auf die Zuschauer zuzugehen. Gleichzeitig nimmt man dem Intendanten auch ab, dass er in genau dieser Stadt sein möchte, und genau das macht, was er machen will. Plattes Beispiel: Nacktheit bei uns auf der Bühne, da hat sich noch niemand beschwert. Das passiert woanders häufiger mal. Könnte an der Publikumsstruktur liegen, könnte aber auch sein, dass die Zuschauer nicht das Gefühl haben, dass wir auf Teufel komm raus irgendwas an ihnen vorbei inszenieren wollen. Aber Unterhaltung würde ich das trotzdem nicht nennen. Vielleicht eher eine andere Form von Erlebnis.

Welchen Inszenierungsstil vertritt das Volkstheater?

Wir möchten Geschichten erzählen und auch die Möglichkeit zur Identifikation bieten. Ganz klassisch. Postdramatik spielt keine Rolle bei uns. Jedes Theater versucht, sich ein klares Profil zu schaffen, damit man sich nicht gegenseitig auf den Füßen steht.

Wie geht man damit um, wenn ein Stück „floppt“?

Das ist vor allem für die Beteiligten schade, weil da eine Riesenmenge Arbeit drin steckt. Aber wir müssen uns gewisse Risiken erlauben, und ich hab glücklicherweise mit Christian Stückl einen Chef, der mir sehr viel abnimmt bei dieser Risikokalkulation. Der sagt dann, ich mach jetzt dies und das, damit halte ich euch den Rücken frei und dann könnt ihr auch zwei Sachen in den Sand setzen, und es läuft trotzdem stabil. Nebenbei sind wir ja auch subventioniert, und wenn wir unsere Subventionen nur dafür ausgeben, einen Publikumserfolg nach dem anderen rauszuhauen, ist das ja auch Quatsch. Ein bisschen experimenteller darf’s schon sein.

Das Volkstheater hat eine studentische Auslastung von über 25% und ist damit Spitzenreiter der Münchner Theater. Bilden denn Studenten die hauptsächliche Zielgruppe?

Eine wirkliche Zielgruppe haben wir nicht. Wir wollen alle hier haben. Und dass wir hier einen so großen Anteil an Studenten haben, was natürlich super ist, das hat einfach damit zu tun, dass die Leute, die bei uns arbeiten, auch vergleichsweise jung sind. Das bietet starke Identifikationsmöglichkeiten. Was uns, glaube ich, auch noch von anderen Theatern unterscheidet, ist, dass wir kein Abonnementsystem haben. Ergo sitzen bei uns nur Leute drin, die wirklich darauf Lust haben und die das wirklich interessiert. Das ist ein unschlagbarer Vorteil.

Sie betreuen seit zehn Jahren Radikal Jung, und es wird von Jahr zu Jahr internationaler. Ist das von Anfang an so geplant gewesen?

Anfangs haben wir gesagt, das machen wir für die Stadt- und Staatstheater im deutschsprachigen Raum. Irgendwann konnten wir aber auch die freien Gruppen nicht mehr ignorieren, haben dann auch das europäische Ausland miteinbezogen. Letztendlich spiegeln wir eine veränderte Theaterlandschaft, Performance und Internationalisierung spielen eine immer größere Rolle. Und gerade die ausländischen Produktionen werden nur geschaut, weil sie Teil des Festivals sind. Wir versuchen, jedes Jahr einen Schritt weiter zu gehen. Das ist natürlich ein großer Luxus, sowas machen zu können.

Kommen denn auch da besonders viele Studenten?

Lustigerweise ist der Altersdurchschnitt beim Festival deutlich höher als in unseren „normalen“ Produktionen. Es kommen oft auch jahrelang die gleichen Leute immer wieder, weil das für die dazugehört. Und vielleicht haben die Älteren den Vorverkauf auch eher im Blick als die Jungen und sichern sich so die begrenzten Plätze, sodass wir dann an der Abendkasse hundertfünfzig Studenten wieder heim schicken müssen.

Hatten Sie ein Lieblingsstück in dieser Spielzeit?

Meine Lieblingsstück in dieser ganzen Zeit hier am Haus, sowohl an Arbeit, als auch Resultat gemessen, ist Moses – Das Mash-Up Musical von Simon Solberg. Weil es nicht auf einem dramatischen Text beruht, es lebt massiv vom Live-Erlebnis, und es ist wahnsinnig energetisch und unterhaltsam und politisch. Aber Die Räuber haben mir auch gut gefallen. Sebastian Kreyer hat sich da einen Spaß daraus gemacht und so inszeniert, dass klar wird: das ist alles so hetero, dass es schon wieder schwul ist.

Besonders in den Räubern wurde extrem viel gekürzt. Wie textnah muss eine Inszenierung sein, wo ist Schluss?

Nirgendwo! Ist doch Quatsch. Die Vorstellung, wir würden einem literarischen Text gerecht werden, ist doch eine Illusion. Vielleicht kommt man in einer literaturwissenschaftlichen Analyse ziemlich nah an das heran, was der Autor gemeint haben könnte. Aber in einer Aufführung ist das dann doch weg. Warum machen wir denn den ganzen Klassikerquatsch noch? Weil wir die Illusion haben, dass wir aus dem beknackten Schiller, schlechter Shakespeare irgendwie, pubertär und notgeil, dass wir da noch irgendwas für unser heutiges Leben herausziehen kann. Was ich extrem fraglich finde. Aber das ist im Allgemeinen ja der Versuch. Alles andere ist philologisch. Das interessiert wirklich nur noch Lateinlehrer.


Wie geht es denn jetzt weiter für Sie? Sie verlassen ja nach dieser Spielzeit das Volkstheater.

Im Herbst gehe ich an die Otto-Falckenberg-Schule, werde da stellvertretender Schulleiter und kümmere mich um die Regieausbildung. Jetzt stelle ich mir halt die Frage: Wie muss ich junge Menschen ausbilden, sodass die danach in den Theaterbetrieb einsteigen können? Schön ist, dass man auf die individuellen Bedürfnisse der Studenten eingehen kann, das reizt mich sehr.

Wie stark hat Sie die Zeit am Volkstheater beeinflusst?

Ich war wirklich lang hier. Ich konnte hier Sachen machen, die ich wo anders nicht so umsetzen hätte können, ich habe wertvolle Erfahrungen gesammelt und konnte dieses tolle Festival veranstalten. Und das leite ich nächstes Jahr auf jeden Fall noch einmal.

Vielen Dank für das Interview!

Gekürzte Fassung.
© Valerie Kiendl/Juliane Becker

Freitag, 13. Juni 2014

Kitsch und Kuchen


Vor Münchner Publikum eine Persiflage über Ludwig II aufzuführen, den Kini, Mysterium und Touristenmagnet für Millionen und sozusagen bayrisches Heiligtum, ist gefährlich. Noch gefährlicher wird es, wenn besagter König gar nicht glamourös, sondern ein depressiver Jean-Luc Bubert ist und seine Vorliebe für den auf Plateaupumps stöckelnden Hausboy (Jakob Geßner) offen zur Schau stellt. Sagen wir mal, das hätte alles gründlich nach hinten losgehen können. Nach bis zum Erbrechen in Musicals und “wahren” Biographien zelebrierten Lebens- und Leidensgeschichten von Wiggerl, Elisabeth und co., servieren uns die drei Regieassistentinnen Lea Ralfs, Charlotte Oeken und Marie Jaksch endlich eine Alternative: eine saukomische Kitschkritik, die nicht an Bosheit und Witz spart und so ziemlich alles und jeden aufs Korn nimmt.

Mit Ludwig II – Eine musikalische Utopie feiert das Volkstheater die letzte, fulminante Premiere in dieser Spielzeit und beschert dem Zuschauer genau das, womit man in den Sommer starten möchte: Komödie vom Feinsten, tränenerstickte Lachanfälle inklusive.



Der Mensch an sich ist ja käuflich. Und deswegen bricht das Publikum auch in regelrechte Jubelstürme aus, als Sophie (Lenja Schultze) Steckerleis verteilt. Außerdem hat es ungefähr vierzig Grad auf der Kleinen Bühne, könnte auch ein Grund dafür sein, dass die Begeisterung so groß ist. Arme Lenja, die in ihrem Fatsuit durch die Gegend hoppeln muss. Sissis essgestörte Schwester ist der heimliche Star dieser Inszenierung. Von ihrem Verlobten Ludwig verlassen, frisst sie begeistert Kuchen nach Kuchen und danach noch ein paar Törtchen in sich hinein und möchte am Ende sogar ihren Koch Jan-Henrik (Viktor Hauser) heiraten, damit sie immer was zu futtern im Hause hat. Ihr Faible für Essen wird schon beim Einlass deutlich, als sie die Mikrophone nicht mit dem üblichen “1,2,3…” testet, sondern feinsäuberlich artikuliert Lebensmittel aufzählt: “Haxxxxxe, Schweinssssshaxxxxxe. Moussssse au Chocolat. Cevapppppcici.”
Tja, und Ludwig…der will “einfach nur hier sitzen” und Trübsal blasen. Der Hofstaat jedoch plant die Feierlichkeiten zum 22. Thronjubiläum und führt zu Ehren des Königs Siegfried auf, wobei ein schwäbelnder Max Wagner den Regisseur mimt und brüllkomisch die (Un-)Eigenarten von Theatermenschen parodiert. An dem ist übrigens ein Sänger verloren gegangen. Denn wir befinden uns, nicht vergessen, in einem Liederarbend. Deshalb wird, von Richard Wagner (Michael Gumpinger) begleitet, gesungen. Und wie! Sissi (Mara Widmann) brilliert mit einer stimmgewaltigen Version von Back To Black, und Ludwig krächzt mit Reibeisenstimme ein I Am So Lonesome ins Mikro.
Als dann ein schmieriger Kerl namens Sam (wieder Max Wagner) auftaucht und mehr oder weniger hinterhältig plant, dem Kini sein ganzes Geld abzunehmen, steigt dieser vollends auf die Verführungsavancen des Unbekannten ein und stürzt sich voller Elan zurück ins Leben. Auf der Suche nach Liebe verliert er die Wenigen, die wirklich zu ihm stehen, aus den Augen, was die natürlich nicht auf sich sitzen lassen.

Der sehr kurzweilige Abend geht so kitschig zu Ende, wie man das nach diesem fantastischen Stück erwartet: Ein auf einem bayrisch gescheckten Fahrrad entschwindender, stupide lächelnder Kini winkt uns zum Abschied zu. Mehr Bayern geht nicht. Mehr Lachen auch nicht.



Donnerstag, 12. Juni 2014

Auch du, stummer Brutus?

© Laura Spes

Es ist muffig, das Licht flackert ein wenig, und die grauen Kellerwände versprühen den Charme einer Stasi-Verhörzelle. Perfektes Ambiente für eine gleichsam verstörende, wie auch einnehmende Inszenierung. Caesar im Haus der kleinen Künste punktet mit einem professionellen Amateurensemble und starken Bildern.

Wohlweislich betitelt mit ‘nach Shakespeare’, versetzt Regieneuling Danijel Szeredy das Geschehen des 400 Jahre alten Dramas in die heutige Zeit und bleibt doch dem julianischen Rom treu. Brutus, der Verräter, gequält von seiner Tat und seinem Streben nach Freiheit, bezahlt den Preis für seinen Vatermord und muss sich Folter und Verhör stellen. Szeredy hat neben der Überarbeitung des Textes und der Direktion auch noch eben die Hauptrolle übernommen. Immerhin musste er dafür keinen Text lernen – sein Brutus bleibt stumm, auch angesichts von Gewalt und Verzweiflung entweicht seinen Lippen kein Ton. Sprach-, fassungs- und klaglos rennt er schlussendlich in das ihm angebotene Messer.

© Laura Spes
Er ist der einzig Leise in dieser Welt voller Anzugträger, die sich uns in diesem Keller darbietet. Caesar selbst (William Newton) kommt nicht oft zu Wort, er lässt lieber den Chor sprechen. Die drei Mädchen, die sich so unglaublich synchron artikulieren, dass es fast gruslig wirkt, sind Folterknechte, Bürger und Aufständische zugleich. Deren Stimmgewalt wird im letzten Akt schmerzhaft deutlich, als die Akustik des kleinen Raumes zum tausendfachen Widerhall ihrer Schreie führt und man sich auf der Startbahn eines Flughafens wähnt. Allgemein wird zu viel auf Lautstärke gesetzt, was schade ist, da die Darsteller es auch ohne den extremen Geräuschpegel vermögen, den Raum zu füllen. Nur Lepidus, Brutus’ Vernehmer (Matthias Mezes), bleibt beängstigend ruhig, während er mit kleinen Gesten seine Schergen zu weiteren Torturen anweist und langsam seine Zigarette raucht.

© Laura Spes
Die Grausamkeit ist allgegenwärtig in dieser Produktion. Die Kellerwände scheinen sie zu reflektieren. Und trotz radikalen Szenenumbrüchen, Textvermengung à la carte und feinsinnigen Kommentaren zur aktuellen politischen Situation bleibt die klare Linie der Regieführung deutlich zu erkennen. Es macht alles Sinn, und genau das fehlt jungem Regietheater sonst. Auch hier sind die interpretatorischen Ansätze nicht ganz einfach zu verstehen, aber nachzuvollziehen. Ein Fakt, den sich so mancher gestandene Theatermacher zu Herzen nehmen könnte. Viel Applaus für ein hochqualitatives Erstlingswerk mit beißender Kritik, mitreißender Dynamik und begeisternden Darstellern.

Informationen unter www.hausderkleinenkuenste.de

Mittwoch, 4. Juni 2014

Neue Freuden, neue Schmerzen

Moosach macht Oper - sogar die bekannteste Oper der Welt. Die Zauberflöte steht auf den Programm. Zauberhafte Stimmen, aber der Sinn der Inszenierung geht im wahrsten Sinne des Wortes flöten.
Das Grüppchen Solisten, das sich da in Moosach versammelt, ist mehr als famos. Eine blutjunge, dennoch stimmgewaltige Königin der Nacht (Astrid Mathyshek), drei bezaubernde Damen (Susanna Proskura, Florence Losseau, Anna Gassler) und ein herzallerliebstes Paminchen (Simone Yael). Und dann eben noch Papageno (Benedikt Eder), als wuschelköpfiges Studentenbürschlein mit Fahrrad und Lederrucksack in Szene gesetzt, der alles und jeden mit seinem Bariton an die Wand singt. Was für eine Stimme! Der kann niemals älter als dreiundzwanzig sein und singt schon jetzt besser als alle Münchner Gesangsstudenten zusammen. Da sehen viele andere eher blass aus, sogar Jason Papowitz, seines Zeichens Urviech der Oper und schon überall mal gewesen. Einen wirklich hübschen Tenor hat er, aber für den “stattlichen Jüngling” Tamino ist er ein bisschen zu alt. Und zu amerikanisch. Und Flöte spielen kann er auch nicht. Aber naja, der Gesang stimmt.



Bleibt die Frage: Warum nur geben sich all diese weltbühnenerprobten, hochbegabten, zu Höherem berufenen Menschen mit einer dermaßen mittelmäßigen Inszenierung zufrieden? Hat denn da niemand mal auf den Tisch gehauen und gesagt: “Werte Frau Regisseurin, ich habe bereits im [hier Opernhaus einsetzen] gespielt, studiere seit Jahrzehnten Gesang und hab sowieso relativ viel Ahnung von dem was ich mache, warum fabrizieren Sie hier so einen sinnlosen [hier skatologischen Ausdruck einsetzen]?”
Ist die Lage auf dem Markt so schlecht, dass sich der Jungsänger mit so etwas zufrieden geben muss?
Man hätte, theoretisch, eine qualitativ hochwertige Bühnenshow abliefern können. Die finanziellen Mittel waren ganz offensichtlich da, Hilfe vom Profi gabs auch – Monika Staykova vom Bayerischen Staatsschauspiel war für die Kostüme zuständig -, und die Musiker brillierten ebenfalls. Dennoch schafft es die Regisseurin Kristina Wuss, diese potentiell fantastische Aufführung zu wenig mehr als Laientheater zu degradieren.

Zwischen gefühlt allen in Moosach wohnenden Mittvierzigern, die schon immer einmal auf der Bühne stehen wollten und nun als Statisten die Gelegenheit dazu bekommen, bewegen sich nun Sarastro (Frits Kamp), seine Schergen und ein paar Kinderlein auf dieser kleinen Bühne, umgeben von lächerlichen und verwirrenden Requisiten. Was soll zum Beispiel dieser singende Plastikhummer, den man Papageno zusammenhangslos überreicht? Oder dieser blöde Medizinball, der ständig von irgendwem rumgeschleppt werden muss und auch keinen erkennbaren Sinn hat? Fand hier so etwas wie eine Leitmotivdarstellung statt? Soll das eine Art Running Gag sein? Und warum steht da immer dieser große Kerl mit dem leuchtenden Ikealampenschirm? Wieso zieht sich Monostatos (Siddique Eggenberger) den Reifrock der 1. Dame an? Und weshalb taucht auf einmal ein überdimensionaler Rabe auf der Bühne auf? Die Liste der Warums ist endlos. Antworten gibt es kaum. Selbst die Mitwirkenden scheinen nicht so recht Ahnung zu haben, was sich ihre Regisseurin denn bei dem ganzen Trara so dabei gedacht hat. Man bekommt allgemein das Gefühl, dass diese Inszenierung ihre offensichtlichen Schwächen durch möglichst viele, möglichst sinnfreie Requisiten übertünchen möchte. Es ist schon bezeichnend, wenn zehn Theaterwissenschaftler im Publikum sitzen und keiner den Sinn dieser alternativdramaturgischen Mittel erkennt. Nichts passt zusammen, nirgendwo ist eine klare Linie zu erkennen.



Dem Publikum gefällt’s trotzdem. Die Kinder liegen zwar schon nach der ersten halben Stunde müde auf Mamas Schoß, aber als Sarastros Löwe – an dieser Stelle Chapeau, gutes Kostüm – auftaucht und zwinkernd durch die ersten Reihen schlendert, werden die Kleinen ganz schnell wach. Mir fällt’s wie Schuppen von den Augen: eine rein für Kinder ausgelegte Zauberflöte wäre doch optimal gewesen! Denen wäre nämlich jedes sinnlose Detail wurscht und Menschen in Tierkostümen kommen immer gut an. Und die Eltern sind stolz, dass sie Schackeline und Jeremy-Pascal ein Stück Kultur näherbringen können.
Für Opernliebhaber und Menschen, die auf Sinn Wert legen, ist die Moosacher Fassung nicht geeignet. Zu sehr ist man gewöhnt an barocke Staatsoperästhetik und den berühmten Roten Faden, der sich durch jede gute Inszenierung zieht. Allen anderen ist die Zauberflöte in der Moosacher Fassung schlussendlich nur aufgrund dieser grandiosen Sänger zu empfehlen. Talent reißt’s halt doch raus.

Montag, 19. Mai 2014

Von Mägden und Mördern

Kunst statt Theater


Nach zwei Jahren ist endlich eine neue Regiearbeit von Stefan Pucher in den Kammerspielen zu sehen – mit viel Schwarz, viel Schminke und viel Talent schwanken Die Zofen zwischen Liebe, Hass und Erotik.





















 
Es ist ein Rausch in Schwarz-Weiß. Die Schwestern Claire (Brigitte Hobmeier) und Solange (Annette Paulmann) dienen als Zofen. Sie verehren ihre Herrin (Wiebke Puls) genauso sehr wie sie sie verachten; Ihr liebster Zeitvertreib ist es, während der Abwesenheit der Gnädigen Frau deren Tod nachzustellen. Es ist nur ein Spiel, doch es ist so düster wie die tunnelartige schwarze Bühne, in der sich das Ganze abspielt. Und so ist es vorauszusehen, dass die Grenzen zwischen Realität und Traum irgendwann verwischen werden. Inspiriert durch ihr Spiel, beschließen die Zofen, die Herrin endlich zu töten.

Die Aufmachung der Darstellerinnen ist grotesk bis grandios. Dramatisch überschminkt, clowngleich weiß bepinselt und mit rigoros weggeklebtem Haupthaar gleichen sie kaputten Püppchen, oder aber auch irgendwie Goldie Hawn in Der Tod steht ihr gut, als die mit tonnenschwerer Farbe im Gesicht ihr Zombietum zu verdecken versucht.
Die Gnädige Frau hingegen ist die Einzige mit natürlich anmutendem Haar und besticht vor allem durch ihre rosenübersäte Robe und die schrille Schizophrenie, die sie ihren Mägden gegenüber an den Tag legt. Einerseits mütterliche Liebe, dann wieder blinde Verachtung. Dass die Zofen ihren Ehegatten, den Gnädigen Herrn, durch denunzierende Briefe ins Gefängnis gebracht haben, weiß sie nicht.




Erst durch das Zusammenspiel dieser drei Wahnsinnsfrauen wird aus diesem stillen Stück von Jean Genet eine Hammerinszenierung, die vor Gothicelementen, (Homo-)Erotik und Sadismus nur so sprüht. Zu den von Christopher Uhe komponierten, schweren Balladen wird gesungen, besonders Annette Paulmann brilliert mit einer atemberaubenden Präsenz auf der Bühne, die seltsam gefährlich wirkt. Und diese Stimmen! Wer hätte gedacht, dass Wiebke Puls eine so großartige Sängerin abgibt, und gibt es eigentlich irgendwas, was die Hobmeierin entstellen kann? Selbst mit Plastikmatsche auf dem Kopf und zentimeterdickem Make-Up sieht sie immer noch irgendwie sinnlich aus. 

Stefan Pucher hat mit dieser Inszenierung ein hochstilisiertes, sehr artifizielles, und höchst kunstvolles Konstrukt geschaffen, das dadurch aber nicht wirklich zum Nachemfinden geeignet ist. Es ist mehr Kunst als Theater. Mehr was zum Beobachten als was zum Fühlen. Und eine erfrischende Abwechslung zum pseudoalternativen Intendantentheater von Johan Simons. Mehr Pucher für alle!

Regie: Stefan Pucher
Kostüme:
Annabelle Witt
 
Bühne: Barbara Ehnes
Dramaturgie: Tobias Staab  
Informationen und Spielplan: www.muenchner-kammerspiele.de

Dienstag, 13. Mai 2014

Interpretation, intravenös

 

Bereits mit This Is The Land feuerte der israelische Regisseur Eyal Weiser im Rahmen von Radikal Jung 2014 ein wildes Gemisch aus Video, Theater und Performance ab – das neueste Bühnenwerk Nystagmus ist nun im Volkstheater zu sehen.

Eins vorweg: Wenn man öfter mal ins Volkstheater geht und das Ensemble kennt, ist das Ganze nur halb so spannend. Denn dann weiß man sofort, dass dieses Projekt nur fingiert ist. Andererseits müsste diese “Kunstausstellung” ziemlich durchgeknallt auf Zuschauer wirken, die ihren Fuß zum ersten Mal in dieses großartige Haus setzen.
Der Kurator Anton Ehrlich – es ist Oliver Möller mit Bart – hat insgesamt neun Künstler eingeladen, die ihrerseits eigene Performances und Werke darbieten werden. Wirkliche, echte, existierende Kunstschaffende sind davon nur wenige, zu ihnen gehört aber unter anderem Rami Maymon, der das Titelbild zur Austellung gestaltet hat.
Nystagmus – das ist ein Krankheitsbild, bei dem die Augen unkontrolliert zu zittern beginnen. Adolf Hitler “diagnostizierte” es bei modernen Künstlern, da deren Ansichten nicht mit seiner Weltanschauung übereinstimmten. Der Untertitel Eine große deutsche Kunstausstellung existiert ebenfalls als Anspielung auf die hitler’sche Titelgebung der beiden Exhibitionen Entartete Kunst und Große deutsche Kunstausstellung, wie sie 1937 in München veranstaltet wurden.

Man fürchtet eine weitere, fingerhebende Konfrontation mit der deutschen Vergangenheit. Doch schon beim Einlass zeigt sich, dass dieser Abend anders werden wird. Man kommt von hinten auf die Bühne, wo eine vielleicht fünf mal fünf Meter große Installation aus Holzbalken aufgebaut wurde, innerhalb der einige Objekte dargeboten werden: Zwei Goldbarren, ein in Dauerschleife laufendes Video von zwei tanzenden Menschen, sowie ein auf dem Boden sitzender Mensch in einem sehr seltsamen Kostüm, der die Vorbeiziehenden unter seiner riesigen, aus Stroh und Papyrus gebauten Kopfbedeckung beobachtet. Anschließend, eingeschüchtert in der ungewohnten Situation, sich auf einer Bühne zu befinden, lässt man sich erleichtert auf die Plätze fallen.
Max Wagner. Foto: Arno Declair

Nach einer kurzen Einführung durch Anton Ehrlich, beginnt Nystagmus mit dem Deutsch-Israeli Uriah Rein-Merchav. Und auch wenn er androgyn kostümiert ist, erkennt man Volkstheater-Schönling Max Wagner sofort. Sein Werk, als connecting dots bezeichnet, zeigt das Portrait einer Frau, das er nicht mit Farbe, sondern mit einer Schnur zeichnet, indem er sie mit an der Wand montierten Punkten verbindet. Im Hintergrund wird die Lebensgeschichte der Dargestellten, Emma, skizzenhaft erläutert. An Schizophrenie erkrankt, wird sie 1944 von den Nazis hingerichtet. Schnitt. Rein-Merchavs Großvater Georg Rein hilft bis 1945 den Nazis beim jüdischen Massenmord und wird danach Richter in der DDR. Die totale Verdrängung gelingt, am Ende erlöst ihn Alzheimer von etwaigen Rückständen im Gedächtnis. Schnitt. Reins Tochter Helene will die Schuld ihres Vaters kompensieren und entflieht der BRD in ein israelisches Kibbuz, wo sie einen Mann mit dem Nachnamen Merchav heiratet, der zu Uriahs Vater werden soll. Er stirbt vor der Geburt seines Sohnes im Libanonkrieg. Uriah stellt sich nun dem Dämon, der seine Familienbiographie heimsucht und verbindet Ahnenforschung und Vergangenheitsbewältigung. Eine bewegende, romantische, traurige Performance.

Man könnte fast beleidigt sein, sobald man erkennt, dass sie nur erfunden ist.
Max Wagner, den man bisher nur als zwar ästhetisch hochwertigen, aber dramaturgisch eher unspektakulären Schauspieler zu sehen bekam, verblüfft durch eine atemberaubende Perfomance (echte Tränen!) und szenische Präsenz, die Geschlechtergrenzen sprengt. Chapeau, der Junge kann was!

Danach: Eine Seance, dargeboten vom Medium Sybille Lang (Ursula Maria Burkhart) und ihrer Tochter Felicitas (Lenja Schultze), ufert aus, als die “zufällig aus dem Publikum gerufene” Kunstsammlerin Frau Fitschen (Mara Widmann) durch den Geist eines Verstorbenen den Standort des Kruzifixs von Ludwig Gies finden will. Letzteres war ebenfalls Bestandteil der Ausstellungen Hitlers und würde nun ein Vermögen wert sein. Doch anstatt von Ludwig Gies channelt Sybille Lang einen gewissen Alois, der sich als von Adolf beklatschter Jesus-Darsteller der Oberammergauer Passionsspiele herausstellt. Eine gelungene Spitze auf die Habgier, die auf dem Kunstmarkt herrscht. Und ein paar esoterisch angehauchte Zuschauer betrachteten das Geschehen auf der Bühne mit so heiligem Ernst, dass man das fast auch schon als Performance ansehen konnte. Lustig, aber zu lang.

Oliver Möller. Foto: Arno Declair


Die Gebrüder Sturm (Leon Pfannenmüller und Johannes Meier) nehmen die Irrungen und Wirrungen der Werbung aufs Korn. Mit der Performance “Werbeunterbrechung” wird nur durch den Ausspruch einiger Slogans ein Geschlechtsakt simuliert, während im Hintergrund ein Zusammenschnitt aus Werbeclips, Pornoszenen und nebulösen Psychodelika-Videos läuft. Es ist wahnsinnig witzig und gleichzeitig erschreckend, weil man zu jedem Slogan sofort den Hersteller im Kopf hat. “Für das Beste im Mann” war da noch das einfachste, aber ohne Probleme ordnet das liebe Hirn jeden noch so dummen Spruch dem passenden Werbenden zu. Da hinterfragt man dann schon seinen Medienkonsum. Immerhin kam keine Seitenbacher-Werbung.

Jean-Luc Bubert. Foto: Arno Declair


Zum Schluss schießt Bruno Spatz (Jean-Luc Bubert) den Vogel ab. Unterstützt von seiner Lebensgefährtin Magdalena Wiedenhofer, diese adrett im schlumpfblauen Einteiler, begleiten wir ihn in seiner Performance “Mein MutterMund”, beobachten ihn und versuchen, einen interpretatorischen Ansatz zu finden. Und werden herrlichst verarscht, als die beiden uns mit Hitler-Manier “Wollt ihr die TOTALE INTERPRETATION?” entgegenschreien und klar wird, dass diese Sequenz rein darauf abzielte, uns in unseren Bemühungen zu vergackeiern. Spatz ist der Künstler, den wir in Berliner Galerieräumen antreffen, umgeben von in der Interpretation seiner Werke zu Höchstleistungen auflaufenden Kunstkritikern, er präsentiert Scheiße als Gold und ist damit erfolgreich. Er ist der Kunstschaffende der Gegenwart, eine dieser Personen, denen man “Ist das Kunst oder kann das weg?!” auf den Körper tätowieren möchte. Es ist die durchgeknallteste, aber auch die kreativste Darbietung, und auch hier geht es um Auseinandersetzung. Mit dem eigenen Ego, mit dem Kunstmarkt, mit Kritikern. Es ist eine Bullshitparty, die erst im Nachhinein richtig wirkt.

Eyal Weiser hat zwar für einige klassische WhatTheFuck-Momente gesorgt, aber der Zauber von Nystagmus liegt wirklich in seiner Nachwirkung. Mehr Raum für Diskussion gab es bei einer Inszenierung selten. Wenn auch das Konzept teils etwas zu chaotisch war, so ist die Idee der Fiktion, die uns als Wahrheit verkauft wird, ein starker und nachdenklich stimmender Ansatz. Wieder einmal muss man dem Volkstheater und seinem Adoptivvater Christian Stückl applaudieren. Danke, dass es in Schickeria-München einen Platz für Kreatives gibt.

Regie: Eyal Weiser
Fotographie und Konzept:
Rami Maymon

Kostümbild:
Muslin Brothers

Informationen und Spielplan:
www.muenchner-volkstheater.de